Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Orenzwarten usw. — immer waren es Dinge, die eine be-
stimmte Handlung zu tragen hatten. Mit der Zweckbe-
stimmung im höheren Sinne hörte auch das Bedürfnis nach
jenen Bauten auf, die wir heute fälschlicherweise Monu-
mente nennen. Für die Gotik z. B. bedeutete das Opfern
und Begraben keine Ursache zu derartigen Handlungen.
Sie gab sich deshalb nicht mit solchen Bauwerken ab, ob-
gleich es ihr gewiß nicht an Größe und Kühnheit der
architektonischen Schöpferkraft fehlte.

Unsere Zeit aber gibt sich damit ab. Ob sie einen
ähnlichen künstlerischen Zug hat, diese Frage will ich nicht
entscheiden. Jedenfalls ist es sicher, daß sie jene Zwecke
nicht kennt, welche die alten sogenannten Monumente zu
erfüllen hatten. Das Anzünden eines Feuers an einem
Gedenktage im Jahr rechtfertigt den Aufwand an Kapital
und Kunst, der mit den Bismarckmälern getrieben worden
ist, ebensowenig, wie das gelegentliche Niederlegen von
Kränzen und Schleifen die Existenz der Kriegerdenkmäler.
Anders verhält es sich mit Grabsteinen, bei denen das
Pflegen des Grabes eine dem alten Opfern verwandte
Handlung darstellt. Auch Erinnerungs- und Namenstafeln
in Kirchen, Universitäten und Anstalten haben ihre innere
Berechtigung. Aber jedes bloße Erinnerungsmal muß eine
hohle Sache bleiben. Der Architekt kann keine intuitive
Form dafür schaffen, da der begriffliche Inhalt rein äußer-
lich hergeholt ist. Es ist im Grunde nichts anderes, als
eine große Sentimentalität, die, freilich in gutgemeinter
Ansicht, dazu geführt hat. Die Sentimentalität aber ist der
größte Feind der Kunst. Dringt sie auf die Erfüllung ihrer
Ansprüche in kunstähnlichen Formen, dann muß das ent-
stehen, was das Schlimmste ist, nämlich Kitsch. Tausendmal
besser ist es, nur nüchternsachliche, ingenieurmäßige Dinge
um sich zu sehen, als jene sinnlosen kunstseinwollenden
Erzeugnisse, die nichts bedeuten und ausdrücken können.
An ihnen fühlt man nichts, außer — die Qualen oder den
Leichtsinn ihrer Erzeuger. Dazu gehören eben alle Krieger-
denkmäler. Auch die Versuche, sie heute geschmackvoller
als nach 1870 zu machen, halfen nichts. Hohles bleibt
hohl und wirkt nur unklarer und schlimmer, wenn es mit
einem Stimmungs- und Geschmacksfirnis überzogen wird.

Hieraus muß entschlossen die Konsequenz gezogen
werden, daß man mit Denksteinen größeren oder kleineren
Maßstabes und mehr oder weniger stimmungsvollen Er-
innerungsstätten die Krieger nie ehren wird. Man muß
auf andere Mittel sinnen, die sich aus der Natur unserer
spezifischen Zeitverhältnisse von selbst ergeben. Jeder
Künstler soll in seinem eigenen Bereich wirken und der
Architekt soll bauen. Die praktische Notwendigkeit führt
zur Schaffung von Invalidenheimen mit Wohnung und Werk-
stätte, die möglichst in enge Verbindung mit Gärten zu
bringen sind. Die Wunden des Krieges so zu heilen, ist
höchster Anerkennung wert. Den Soldaten, die ihre Glieder
und ihre Gesundheit geopfert haben, wird Lebensmut und
Lebensfreude wiedergegeben. In froher Tätigkeit und im
engen Anschluß an die Natur sollen sie das in ihrer Lage
noch mögliche Glücksgefühl finden. Es ist selbstverständ-

lich, daß solche Siedelungen sympathisch geleitet und an-
gelegt sein müssen. Diese Aufgabe, in allen Gegenden
Deutschlands schön gestaltet, würde allein schon eine Ehrung
der Krieger bedeuten, wie sie keine frühere Zeit aufweisen
kann. Ohne Pomp, aus einem schlichten Zweck herge-
leitet, werden solche Anlagen einen von unserer Zeit ge-
borenen Gedanken verkörpern.

Darüber hinaus aber ist an Bauten zu denken, die den
ausgesprochenen Zweck der Krieger-Ehrung tragen: Vete-
ranenheime mit stillen Wohnflügeln und -höfen, schönen
Lese-, Bibliotheks- und Unterhaltungräumen, Festsälen,
Bädern, Sport und Spielplätzen usw. Das Ganze, in einem
hauptstädtischen Park gelegen, müßte dem Volke zugäng-
lich sein; es könnten sich Museen, Theater und dergleichen
angliedern, so daß aus dem ersten Anlaß sich etwas ent-
wickelt, was der Allgemeinheit gehört. Es muß verhütet
werden, daß sein Zweck mißbraucht wird. Eine strenge
unsentimentale Auswahl muß bei der Aufnahme von Vete-
ranen getroffen werden, wie auch andere, nichtsoldatische
Menschen nicht vergessen werden dürfen, die sich um die
Gesamtheit verdient gemacht haben. Ein neuer Kultus
der Krieger-Ehrung würde durch solche Bauten geschaffen
werden, die über das bloße Nützlichkeits- und Rentabilitäts-
prinzip hinausgehen und die Brücke zwischen Krieg und
Frieden versinnbildlichen. Damit würde das Volk sich
selber am besten ehren und sich einen Stil geben. Es
würde sich auch eine neue Kultur schaffen, wenn man
unter diesem heute vielgebrauchten Wort nicht Zivilisation
und Humanität versteht, sondern Stil der Lebensformen.
Das deutsche Volk muß nach der ungeheuren Kraftleistung
auch die Energie in sich finden, welche zur Repräsentation
seiner wertvollsten Empfindungen führt. Formlose Gefühle
bedeuten nichts. Erst durch den treffenden Ausdruck dieser
Gemütsregungen in neuartigen Bauten erhebt sich ein
Volk auf einen höheren Kulturzustand.

Ein so großes Ziel ist mit Hast und Eile, wozu die
Erfüllung der Tagesbedürfnisse heute immer führt, nie er-
reichbar. Die Baugedanken müssen ausreifen können, um
sich nicht selbst durch die Verwirklichung in Mißkredit zu
bringen, und die Architekten müssen Zeit haben, um als
Künstler das geben zu können, was der Gegenwart Ge-
nüge tut und in die Zukunft weist. — Die erwähnten In-
validensiedelungen dagegen müssen im Augenblick vorbe-
reitet werden. Die Notwendigkeit verlangt es gebieterisch.
Hierbei ist die Gefahr nicht so groß, daß ihre künstlerische
Gestaltung darunter leidet, da sie, im Wesen schlichter,
sich mehr an die geschaffenen Bautypen anschließen. Und
es würde in der Tat schon viel bedeuten, wenn zahlreiche
Anlagen dieser Art in liebenswürdiger, rhythmisch wohl-
tuender Form überall im Deutschen Reiche entständen. —
Die Gefallenen sollen nicht vergessen werden, ihre Er-
innerung kann durch Tafeln in diesen Bauten der Nach-
welt überliefert werden. Die Überlebenden ehren sie aber
am besten durch ihr Gedenken und ihr Bestreben, aus dem
übernommenen Vermächtnis Neues zu schaffen.
Laßt die Toten ihre Toten begraben!

NOCH EINMAL: DEUTSCHE SCHMIEDEFAUST! WEHRE DICH!

OBWOHL nun schon verschiedentlich in den letzten
Heften des Kunstgewerbeblattes über das Für und
Wider der autogenen Schweißung in der Kunst-
schmiedetechnik geschrieben worden ist, so dürfte das
nachfolgend Gesagte wohl auch noch seine Berechtigung
haben, da es sich, wie ich glaube, etwas mehr mit dem
Kern der Sache beschäftigt.

Stellen wir zunächst das Wesen der beiden Schweißungs-

arten einander gegenüber. Beim Schweißen durch Hammer-
arbeit werden die genügend erhitzten Schweißstellen bei
fortgesetztem Drehen und Wenden durch rasche Hammer-
schläge so stark zusammen und ineinander geschlagen, daß
sich die einzelnen Eisenteilchen innig miteinander verbinden.
Nach dem Erkalten zeigt dann die Schweißungsstelle die
charakteristischen Hammerschläge, die zum Vorgange nötig
waren und die gewissermaßen den bleibenden Ausdruck

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