Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Vorbilder« herausgegeben wurden, sondern auch Stiche
nach Gemälden von Watteau oder Lancret oder nach
antiken Gemmen, sogar oft in recht willkürlicher, den
ursprünglichen Zusammenhang zerstörender Anord-
nung. Aber just solche eigenmächtige und unbezahlte
Anleihen der kunstgewerblichen Dekoration bei der
»hohen« Kunst waren es nicht in der letzten Reihe,
die das Kunsthandwerk in den Augen der ernsten
Künstler und der Welt herabwürdigten, zu Sklaven
der Malerei und Plastik machten, statt diese Schwestern-
künste für besondere Aufgaben natürlich gegen ent-
sprechendes Entgelt ehrlich zur Mitarbeit heranzu-
ziehen. Dieser Weg, den alte Zeiten als den einzig
richtigen und selbstverständlichen empfanden, muß
wieder eingeschlagen werden bezw. ausnahmslos
richtunggebend bleiben. Nur wenn alle unberechtigten
Anlehnungen oder gar Plagiate und Verballhornungen
endgültig ausgemerzt sein werden, wird das Kunst-
handwerk seine Qualität aufs Höchste steigern können
und die ihm gebührende allgemeine Achtung zurück-
erobert haben.

Dann soll es aber auch — und dies sei zum
Schlüsse nicht vergessen — mehr als bisher, ja am
besten ohne Ausnahme seine Herkunftsbezeichnung
jedem einzelnen Stücke hinzufügen und zwar nicht
nur in allgemeiner Form — obwohl das »made in
Germany« für Industrieartikel keinen schlechten Klang

besitzt —, sondern in unzweideutiger Weise die Signa-
tur des Erzeugers, wie die des entwerfenden Künstlers.
Was auf einzelnen Gebieten, wie in der hochent-
wickelten Graphik namentlich bei den Plakaten, ferner
bei Plaketten, zum Teile auch in der Keramik bereits
selbstverständlich geworden ist, das soll überhaupt
zur Regel werden, auch in der Glasdekoration, bei
den Kunstmöbeln (bei denen es im 18. Jahrhundert
sehr verbreitet war), bei den Bucheinbänden, kurz
überall, wo sich das schlichte gewerbliche Gebrauchs-
objekt zum kunstgewerblichen Gegenstande erhoben
hat. Die Künstler werden gewiß in ihrem eigenen
Interesse bestrebt sein, allem, was nicht mehr anonym
in die Welt wandert, sondern ihren Namen oder ihr
Zeichen trägt, im Vollbewußtsein ihrer Verantwort-
lichkeit ihre besten Kräfte zu weihen, ebenso die Her-
steller, für die ihre Marke eine immer weitergehende
Empfehlung in Kundenkreisen, also die nächstliegende
und kostenlose Reklame werden soll. Niemand wird
darüber eine größere Befriedigung empfinden, als das
Publikum, das damit neue Richtlinien beim Einkaufe
gewinnt und bewährte Namen und Signaturen immer
wieder berücksichtigen kann. Und den Hauptvorteil
wird hierbei das deutsche Kunstgewerbe haben, we-
nigstens sein qualitativ bester Teil, den in jeder Be-
ziehung zu heben und zu fördern eine unserer wich-
tigsten patriotischen Aufgaben sein muß.

ZUR ANPASSUNGSPHRASE

VON E. W. BREDT-MÜNCHEN

ES wird zu allen Zeiten vom Künstler ein gewisses
Maß von Anpassung verlangt und erstrebt worden
sein: solche der einzelnen Schöpfung an ein größeres
Ganzes. Immer ist der Wille starker bauherrlicher Per-
sönlichkeiten ausgegangen auf Zusammenklang der ver-
schiedensten künstlerischen Kräfte, Mittel, Techniken.

Diese künstlerische Tendenz erfordert von den anderen
große Opfer persönlicher Art. Der Hinweis auf Lebrun
genüge. In seinem zentralisatorischen Schaffen erreicht
künstlerischer Absolutismus und fast sozialdemokratische
Parität aller Einzelkräfte den Höhepunkt. Das Recht und
die künstlerische Macht gehörte da fast nur einem — aber
der Gewinn verteilte sich auf alle, die sich dem Macht-
habergeschmack unterwarfen.

Wer in der Entfaltung möglichst vieler hochragender
schöpferischer Potenzen den Ruhm des Landes sieht, wird
gegen solche Tendenz sein, wer die wirtschaftliche Pro-
sperität aller kunstproduktiven Kräfte höher achtet, wird die
Tendenz unterstützen. Denn die wirtschaftlichen Vorteile
liegen klar zutage.

Viele scheinen jetzt dieser Anschauung dienen zu
wollen. Und wo immer solcher Anpassungswille hervor-
tritt — ist er zu unterstützen. Er mag diskutabel sein —
doch er dient einem Ideal, nicht einer Mode.

Modesache bedenklichster Art aber ist der jetzt zu oft
gehörte Ruf nach Anpassung schlechterdings, nach An-
passung an ein Geschmacksrezept, das auf falschen histo-
rischen Theorien beruht.

Ein Beispiel für viele:

In unserer Stadt'wurde~ein einfaches herrschaftliches
Einzelhaus umgebaut. (Von Modernisierung und Mobili-
sierung hier zu reden ist mir unmöglich, trotz der Wand-
lung vom Einfachen ins Prächtige usw.) Das Haus mußte
sich seiner Umgebung anpassen. Das machte man so: das
nächste Gebäude nach Osten ist ein klassischer Bau Lud-
wigs I. mit dorischen Säulen. Also man stellte nun neben
das äußerste Fenster zwei dorische Halbsäulen. Die wecken
den Anschein, daß ursprünglich die Säulen — vielleicht
für ein Portal — freigestanden, erst später mit einer Mauer
zugebaut worden seien. — Der Villa gegenüber steht ein
Haus des alten Gedon — mit einer der romantischen Re-
naissance charakteristischen zierlichen Loggia. Die An-
passung mußte auch nach dieser Seite gefunden werden.
Das war leicht. Man stellte vor diese Seite der Villa eben
auch eine solche Loggia. Und so wurde weiter angepaßt.
Der neue Fries, der den Umbau ziert, ist dem einen
Nachbarhaus — die Dachform einem andern angepaßt.

Respekt vor solch architektonischer Schöpfung und
Harmonie?

Ob man ein noch geistreicher und vielseitiger ange-
paßtes Haus hier oder sonstwo findet? Verantwortlich
ist hierfür freilich nur eine Baufirma — aber wie nahe an
diese steinerne Anpassungsphrase kommen jetzt da und
dort Gebäude, die wir noch als persönliche Architektur-
schöpfungen ansprechen sollen.

Wer solche Anpassung gutheißt, denkt nicht hoch vom
Beruf des Architekten und er darf nie bestimmte Kreise
schelten, wenn sie neue eiserne Rheinbrücken mit mittelalter-

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