Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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wir können. Daher ist der Geschmack, für den wir sie
machen, durchweg der Geschmack des Geschäftsreisenden,
von dem wir annehmen, daß er weiß, was die Kunden
kaufen; und das ist nicht sein eigener Geschmack, sondern
der, den er für den Geschmack der Mehrheit seiner Kunden
hält. Aber wenn Sachen gut gemacht und gut entworfen
sein sollen, so müssen sie nach dem Geschmack des
Fabrikanten gemacht und entworfen sein, denn dieser, da
er ja der Fabrikant ist, weiß, was gut ist.

Er muß sich auf seinen Geschmack verlassen und auf
sein Bestreben, das Beste zu schaffen, um seine Produkte
zu verkaufen. Aber dieses Selbstvertrauen der Fabrikanten
kann nur durch Zusammenarbeiten untereinander erzeugt
werden. Sie müssen sich zusammenschließen nicht nur
zur Fabrikation von Artikeln, die gut in der Arbeit und
zugleich gut in der Form sind, sondern auch zum Ver-
kauf dieser Artikel an die Kundschaft. Denn tatsächlich
kauft das Publikum, was man ihm verkauft, was es ge-
wohnt ist in den Läden zu sehen. Augenblicklich hat es

keinen Geschmack, weder guten noch schlechten. Die
Kunden glauben, ein Stück ist künstlerisch, wenn der Ver-
käufer in einem Geschäft, das für künstlerisch gilt, ihnen
erzählt, es wäre so. Was sie zu ihrer Anleitung brauchen,
sind entschiedene und organisierte Bestrebungen, ihnen in
Qualität nnd Form gute Waren zu verkaufen; und diese
Bestrebungen können nur durch gemeinsame Bemühungen
aller an der Fabrikation und am Verkauf Beteiligten Er-
folg haben. Dieses Zusammenarbeiten ist das Ziel der
»Design and Industries Association«.

Die Gesellschaft wird ihre Eröffnungsyersammlung
im Great Eastern Hotel, Liverpool-street, am 19. Mai ab-
halten, ihre Adresse ist 6 Queen-square, Bloomsbury. Ihr
Erfolg ist von kaufmännischer und künstlerischer Wichtig-
keit. Wir haben viel künstlerisches Talent im Lande, aber
der größte Teil verkommt im kaufmännischen Betriebe,
das heißt, es wird ganz vergeudet. Die Deutschen haben
uns gezeigt, wie man es verwenden soll, und in dieser
Beziehung können wir vom Feinde lernen.

WERBESCHRIFTEN FÜR DEUTSCHES KUNSTGEWERBE

EIN VORSCHLAG VON ANTON JAUMANN-BERLIN

TIEFE Wunden hat der Krieg unserem jungen deut-
schen Kunstgewerbe geschlagen. Es konnte ja nicht
von den Renten früherer Jahrhunderte leben, wie Paris.
Absatz, Ruf, Markt waren erst zu gewinnen. So waren die
Gründungs- und Werbeausgaben fast durchweg noch höher
als der Verdienst. Man rechnete eben auf die Zukunft, die
den Ausgleich bringen mußte.

Mitten in einem schönen Aufschwung kam nun dieser
zerstörerische Krieg. Alte Geschäfte, wie unsere großen
Schiffahrtsgesellschaften, können ruhig das Ende abwarten.
Sie haben ja ihre Reserven und bleiben eben ein Jahr ohne
Gewinn. Aber wer alle verfügbaren Mittel in die Propa-
ganda, in Muster und Betriebsverbesserungen stecken mußte,
wie unser Kunstgewerbe, den trifft dieser vollkommene
Stillstand hart. Die Luxusgewerbe spürten die wirtschaft-
liche Not zuerst und sie werden am längsten darunter
leiden.

Trotzdem dürfen wir die Hände nicht in den Schoß
legen. Schon heute gilt es, an die Zukunft zu denken, um
dem Kunstgewerbe wenigstens ein neues Erstarken nach
dem Kriege zu ermöglichen. Freilich, solche Hilfe, die, wie
große Ausstellungen, nur eine verstärkte Anspannung der
Mittel bedeutet, kommt nicht in Frage. Es sei denn,
solche Ausstellungen werden durchaus mit öffentlichen
Geldern veranstaltet. Und daran ist wohl so bald nicht
zu denken.

Darum möchte ich heute einen anderen, weniger kost-
spieligen Vorschlag machen. Wir wissen alle, wie unsere
Gegner die Völker des Erdkreises mit Verleumdungen gegen
uns in Wort und Bild bearbeiten. Stärker als alle Tartaren-
nachrichten wirken dabei die angeblichen Photographien und
die Films, die fast ausschließlich »gestellt« sind. Photographie
und Kinematographie haben ja das menschliche Auge ver-
wöhnt, es will sinnfällig sehen, es hascht nach schnell wech-
selnden Reizen. Der Weg zum Urteil geht durch das Auge.
Das schöne Bild gewinnt, wirbt für seinen Gegenstand,
das häßliche stößt ab. Die Kritik schweigt gegenüber diesen
instinktiven Einwirkungen. Wer liest heute noch lange Leit-
artikel und Abhandlungen, die ehedem der Stolz der vor-
nehmen Zeitung waren?

Es war ein peinliches Versäumnis, daß wir diese Bild-
propaganda solange außer acht gelassen haben. Hoffent-
lich gelingt es uns wenigstens in Zukunft, uns ihrer sach-
gemäß und mit Erfolg zu bedienen.

Die fremden Völker von der tatsächlichen Höhe deut-
scher Kultur zu überzeugen, das wäre ein wichtiger Teil
dieser Werbetätigkeit.— Und welche bedeutende Rolle spielt
nicht das Kunstgewerbe innerhalb unserer deutschen Kultur!
Wenn wir also nach dem Krieg durch ein reiches Bilder-
material im gesamten Ausland umfassende Propaganda
machen für das deutsche Kunstgewerbe, so ist dies das
beste Mittel, zugleich von der Höhe deutscher Kultur ein-
dringlich und sinnfällig Zeugnis abzulegen.

Wie könnte dieser Gedanke nun im einzelnen ausge-
führt werden? Auch hier sollten wir von unseren Feinden
lernen. Sie sind nicht davor zurückgeschreckt, ihre Re-
gierungsvertreter im Ausland im ausgedehntesten Maße zur
Bearbeitung der öffentlichen Meinung heranzuziehen. Um
wieviel mehr sollten wir ein gleiches für unsere friedliche
Kulturarbeit von unseren Auslandsvertretern erwarten dür-
fen! An sie, die Agenturen, Konsulate und Botschaften,
wäre also in erster Linie das Bildermaterial zu senden, sie
hätten für seine weiteste Verbreitung Sorge zu tragen. Am
besten wäre es natürlich, die Verteilung umsonst erfolgen
zu lassen. Die Kosten sind doch verschwindend gering
neben den oft nutzlos ausgegebenen Geldern für Tele-
gramme und Repräsentation.

Denn wir dürfen natürlich nicht dickleibige Bände
herausgehen lassen mit gelehrten Abhandlungen und da-
zwischen gestreuten spärlichen Illustrationen. Nein, leichte
handliche Heftchen stelle ich mir vor, ausschließlich mit
klaren, schönen, anschaulichen Bildern gefüllt, und jedes
einem besonderen Gegenstand gewidmet. Etwa: Deutsches
Wohnwesen, deutsche Kleinkunst, Porzellane, Schmuck,
Textilkunst — auch Landhäuser, neue Denkmäler und
ähnliches. Welche Unmenge reizvoller Abbildungen ist
während der letzten 10 Jahre in unseren Kunstzeitschriften
erschienen! An Stoff, auch an brauchbaren Photographien
würde es da wahrlich nicht fehlen. Und haben wir
nicht ein deutsches Reproduktionsverfahren, das gestattet,

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