Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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Max Klinger. Entworfen für die Leipziger Kreishauptmannschaft

Erich Grüner

Verlag von E. A. Seemann, Leipzig

Zweck (des Gegenstandes). Ihre Geräte sind konstruktiv,
sie schöpfen ihre Form angeblich rein aus ihrem Gebrauch
oder ihrer technischen Herstellungsart. Das bedeutet also
für den Gesamtraum, daß sie ebenso vereinzelt wirken wie
impressionistische Gemälde. Sie finden ihre Bestimmung
vollständig in sich und sind als räumliche Gebilde gleich-
sam durch unsichtbare Rahmen isoliert1). Von Raumeinheit
kann deshalb bei Zimmereinrichtungen der neunziger Jahre
nicht die Rede sein. Das Zusammenspiel ihrer fast immer
ausgezeichneten Einzelstücke ist von ziemlicher Disharmonie.
So können wir empfinden, weil wir inzwischen längst,
vor allem durch das Dazwischentreten der schottischen und
Wiener Kunstgewerbler, uns zum Einheitsraum durchgefun-
den haben. Das Möbel, die Blumenvase gilt nur noch in
Ausnahmefällen als persönliches Kunstwerk, es wird viel-
mehr von dem übergeordneten Raumganzen lautlos einge-
schluckt, als Teil seines Organismus. Die Mackintosh,
deren feine differenzierte Kunst man in England der rusti-
kalen oder Sheraton-Möbel nicht verstand und auch heute
noch nicht würdigt, brachten ihre Idee der idealistischen
Raumausbildung nach Deutschland und fanden vor allem
in den Wienern Jos. Hoff mann, Moser u. a. intelligente
Schüler. Heute ist der Idealismus im Kunstgewerbe zwei-
fellos das herrschende Prinzip (und selbst die gewandten
Aufwärmer des »Stils« von 1850 folgten ihm notgedrungen):
er geht von der übergeordneten Raumidee aus und kom-
poniert die Teile nach dem Sinne des Ganzen. Selbst die
ganz beweglichen Einrichtungen für Mietsräume, die auf

1) In Museen, z. B. im Stuttgarter Landesgewerbe-
museum, wirken deshalb Möbel von Pankok oder Riemer-
schmid aus jener Zeit völlig als Museumsstücke, deren
Zweck sich in diesen Räumen erfüllt.

Wandvertäfelung, eingebaute Möbel u.s.f. (meist zum Glück)
verzichten müssen, wenden sich zum Einfachen und Sach-
lichen, das glatte Wand- und Türflächen, unbemalte Decken
und ornamentlose Öfen voraussetzt und meist, in neuen
Häusern, auch schon voraussetzen darf. Vor allem aber ist
es das Einzelhaus, das heute im Äußern wie im Innern —
man denke an Loos und Tessenow — die vornehme Ein-
fachheit pflegt und mit großen wohl proportionierten Flächen,
starken Farben und Helligkeit in den Räumen ein neues und
frohes Ideal behaglichen Wohnens aufgestellt hat. Wie
weit erscheint der Weg von der Revolutionierung des Orna-
mentes vor etwa 18 Jahren bis zu dem schlichten oder reichen
Einfamilienhaus, dessen Reproduktionen unsere Kunstzeit-
schriften füllen, und das wir in steigenden Massen in un-
seren emporblühenden Gartenstädten entstehen sehen: gar
nicht zu denken der unüberbrückbaren Kluft, welche die
schlichten, auch dem Ärmeren heute zugänglichen Eigen-
häuschen von den Mietskasernen mit ihren Stuckfassaden
im 19. Jahrhundert trennt. Erst im Eigenheim kann sich
der Gedanke der einheitlichen Raumausbildung voll entfal-
ten ; nur in klar gedachten Räumen eines guten Architekten
kann auch der höhere Geschmack von sachlich schönen Ge-
brauchsgegenständen zur Geltung kommen.

Der Ring aller Kunst schließt sich endlich durch das
Hinzutreten der Malerei. Die gesetzmäßige Entwicklung der
französischen Malerei führte am Ende des 19. Jahrhunderts
zu Erscheinungen, die sich vom eigentlichen Impressionis-
mus durchaus abwandten. Gauguin und van Gogh führten
die Eindrücke der Natur auf große klare Formeln zurück,
die in einem veränderten, wenn auch sehr hohen Sinne
wieder idealistisch wirken: sie tragen eine glühende feier-
liche Steigerung aller Eindrücke in sich. Die reine Farbe
und flächenhafte Gestaltung, die ungemeine Ausdruckskraft

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