Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 26.1915

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und trübe, die reine ungebrochene Farbe ist verpönt, sie
muß gebrochen werden.

Dazu kommt noch eine Einwirkung von farbentech-
nischer Seite her. Wenn Behrens seine Kölner Festhalle
nur mit zwei oder drei Farben inwendig ausstattet, so
kommt er auch mit dieser scheinbaren Nebensächlichkeit
dem Zeitvorbild ziemlich nahe, an das uns der Bau formal
in seiner nüchternen Zweckmäßigkeit und zweckmäßigen
Nüchternheit erinnert. Man hatte damals keine unbegrenzte
Farbenauswahl, wie heute; die Farbstoffe, die damals für
solche Zwecke verwendet werden konnten, lassen sich an
den Fingern herzählen. Die Tüncher und Weißbinder und
Quadratierer, die damals als Vorläufer der heutigen De-
korationsmaler solche Arbeiten machten, kamen mit diesen
wenigen Farbstoffen vollkommen aus; außerdem war es
ja eine so arme Zeit, aus der heute die Biedermeierkunst-
gewerbler, die Nachnachklassiker schöpfen, daß stellenweise
ja sogar die bunte Färbung der Zimmerwände als Luxus
besteuert wurde. Erst von der Mitte des 19. Jahrhunderts ab
nahm die Anzahl der für solche Zwecke verfügbaren Farb-
stoffe zu, mit der zunehmenden Industrialisierung der Farben-
erzeugung sank auch deren Preis, zuweilen allerdings auch
die Güte. Von den sechziger Jahren an kommen die Anilin-
farben in den Handel, die sehr bald die alten Erd- und
Mineralfarbstoffe zu »veredeln« begannen, ein Trugbild, dem
bekanntlich viele Maler, so Hans Makart, zum Opfer fielen;
unsere Zeit bezahlt diesen Irrtum damit, daß sie die Folgen
an den immer mehr ihre Farbe verändernden Bildern tragen
muß. rjnd um gleich mit dieser farbentechnischen Über-
•egung fortzufahren: mit der Anreicherung der Farbenskala
erwächst wieder so etwas wie eine Farbenfreudigkeit, die
sich den historischen Stilarten anfügt und also diesen Auf-
wartungen auch in ihrem farbigen Ausdruck ein anderes
Gesicht gibt. Wie es weiter ging, ist aus jedem kunst-
gewerblichen Vortrag über die Stilumwälzung zu entnehmen,
»bis die Umkehr kam«.

Da hörte es auf einmal im Raum mit der Farbigkeit
au*". Hygienische Forderungen wirkten in die Raumkunst
hinein, und außerdem waren auf einmal die Menschen von
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unersättlichem Lichthunger befallen. Die besseren Licht-
quellen des Gasglühlichtes und des elektrischen Lichtes ver-
langten, je heller sie waren, nach immer weiterer Steigerung,
und wir sind uns gar nicht bewußt, wie sehr wir unsere
Augen damit verwöhnen und wie unermeßlich die Ver-
schwendung ist, die mit der leuchtenden Energie getrieben
wird; die Kriegszeit hat uns erst wieder daran erinnert.
Die Lichtintensität ward durch Zahl und Konstruktion und
Leuchtstärke der Lampen in die Höhe getrieben und das
übrige tat die Reflexion der beleuchteten Raumflächen; sie
mußten deshalb weiß sein. In diesem prahlerischen Licht-
bedürfnis ist es gar nicht aufgefallen, was den Räumen an
Raumwirkung verloren ging, wie die Gemütlichkeit der
öffentlichen Lokale, wie die Wohnlichkeit der Zimmer ver-
schwand, bis eines Tages die vernünftige Überlegung? nein,
— die Mode kam und es anders befahl. Vielleicht ist die
hier beschriebene Wegstrecke, von der Farblosigkeit bis zur
Vollfarbigkeit der Wegstrecke ähnlich, die in der Bildmalerei
von Whistler bis zu Vincent van Gogh führt.

Dem übernormalen Lichthunger ist nun eine unternor-
male Lichtgenügsamkeit gefolgt. Dem neuesten exotischen
Einschlag, den das Salon-Kunstgewerbe zeigt, entspricht es,
zwar mit Licht nicht geradezu zu sparen, aber es wenig-
stens zu verhängen, weit über den Zweck einer bloßen
Dämpfung hinaus es hinter Seidenwolken oder Kattunschir-
men zu verstecken. Es kann keinen größeren Gegensatz
geben als zwischen der schonungslosen Helligkeit, die noch
vor ein paar Jahren das Prinzip der Raumkunst war und
dem zweifelhaft dämmrigen Halbdunkel, das jetzt einem
modernen Raum die Note gibt.

Natürlich wird durch eine so verhängte Beleuchtung der
farbige Charakter eines Raumes ganz zerstört oder doch
wenigstens verändert. Die Beleuchtung ist aber doch nur
eine Bedingtheit während einiger Stunden; fragen wir uns
also, wie es nun am Tage mit dem farbigen Räume steht.

Wandbespannung, Tapete, Wandbemalung und Anstrich
wären hier zunächst zu bedenken, aber es kommt dazu an
Bekleidungsmaterialien noch Keramik, Marmor, Holz hinzu.
Außer dem konstruktiven Holzzweck des Raumes in seiner

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