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Zeitschrift für christliche Kunst — 29.1916

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Schnütgen, Alexander: Ein moderner Bibeleinband
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https://doi.org/10.11588/diglit.4343#0112

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Nr. 7 ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST.

97

EIN MODERNER BIBELEINBAND.

Mit Tafel VI.

Wer in die Geheimnisse des künstlerischen Ledereinbandes, wie er
auf Bestellung und zur Befriedigung der Bibliophilen, namentlich im
XVII. und XVIII. Jahrh., vornehmlich in Frankreich sich entwickelte,
in dieses gewaltige Aufgebot von Geschmack, Geschicklichkeit, Gelduld einiger-
maßen Einblick gewonnen hat, wird nicht leicht annehmen, daß auch die gegen-
wärtige Periode der maschinellen Schnellarbeit solche technische Kunstwerke
zu schaffen geneigt und geeignet sei.

Die hier abgebildete Bibel, das Meisterwerk von J o h. Rudel
an der Kunstgewerbeschule zu Elberfeld, liefert den Gegenbeweis; und die Aner-
kennung, die der Künstler dafür verdient, wiegt um so schwerer, als hier nicht ein
glänzender Auftrag lockte, sondern (im Einvernehmen mit dem Direktor Professor
Schulze) das Bestreben, der Gegenwart wie der Zukunft zu zeigen, daß die
künstlerischen und technischen Fertigkeiten der Vergangenheit, deren glänzende
Erzeugnisse auf dem Gebiete des Bucheinbandes in unseren Museen paradieren
(auch in zahlreichen Exemplaren der „Sammlung Schnütgen"), ihre Aufer-
stehung gefeiert haben.

Es handelt sich um den in Entwurf und Ausführung ausschließlich von dem-
selben Buchbinder geschaffenen Einband der im Inselverlag zu Leipzig er-
schienenen Faksimileausgabe (700 Mark) der 42 zeiligen reich verzierten zweibän-
digen Gutenbergbibel, deren Innenornamente für den Außendekor und dessen
Handvergoldungsformen die Vorbilder, vielmehr Anregung geboten haben. Die
farbigen Lederauflagen und die durch Metall-Rollen, Fileten, Bogen, Stempel
bewirkten Handvergoldungen des Äußeren sind nämlich zum Teil durch den
Schmuck des Inneren inspiriert, zugleich den Ansprüchen der Gegenwart angepaßt,
also eine Kunstarbeit im Sinne der Alten und doch durchaus modern.

Die Hülle des Ganzen besteht in weißem Schweinsleder und die
dunklen Partien, also die langgezogene, ausgeschweifte Mittelverzierung (die an
ältere türkische Motive erinnert) mit den Eckquadern sind aus blaugrauem, dünn-
geschabtem Ziegenleder (Saffian) gebildet; aus karminrotem Leder der aufgelegte
Titel: „Biblia" in Majuskeln, darunter ,,Prima pars" (bzw. „Secunda pars") in
Minuskeln, die den herrlichen Typen des Buches entlehnt sind, welches auch für
andere Verzierungen die Anhaltspunkte geboten hat, so für die Blumen in gold-
gelbem Leder, deren Mittelringe aus grünem, Außenringe wiederum aus karmin-
rotem Leder gebildet sind. Dieser Ton beherrscht zugleich die Bogenborten,
welche die innere Flächenaufteilung markieren.

Alle diese Lederauflagen sind mit Goldkonturen eingefaßt, so daß sämtliche
in Gold ausgeführte Linien, Bogen und Stempeldrucke zu harmonischer
Fläch.enwirkung verbunden sind, die das Ergebnis des ganzen Aufgebotes
von Arbeit sein soll und ist. — Da auch die Innenkanten als Verbrämung des
Deckelspiegels goldgelber Rohseide in einer Breite von etwa 2 cm verziert sind
mit den ebenso behandelten Schweinsleder-Buchschließen, da ferner die erhabenen
Bünde des Rückens die sieben starken Hanfschnüre der Heftung zeigen, das
Kapital mit Seide umstochen ist in dem Deckelschmuck entsprechender Färbung,
 
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