Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 3.1887-1888

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Unsere Bilder — Personal- und Ateliernachrichten

Unsere Bilder

vom Herausgeber

ie sehr ein guter Stoff den Künstler begünstigt, sehen
wir heute an Ludwig Herterichs Darstellung
der Verteidigung von Lüneburg gegen die Franzosen im Kriege
von 1813. Wir finden da das Heldenmädchen Johanna
Stegen im Verteilen von Patronen aus einem verlassenen
französischen Munitionskarren an die Kämpfer begriffen,
die sich verschossen hatten, und dieselben durch das Bei-
spiel ihrer Unerschrockenheit so ermutigend, daß sie den
Angriff glücklich abschlugen, und die Stadt gerettet ward.
—- Begeistert von der schönen Aufgabe hat unser Künstler
daraus ein ebenso leicht verständliches als überaus wirk-
sames Bild gemacht, das die ganze Spannung des Augen-
blicks mit sprühender Lebendigkeit wiedcrgibt und zugleich
der sehr glücklich gelungenen Hauptfigur sofort unsere
ganze Teilnahme sichert. Soll ein gutes Gemälde allemal
schon durch die Verteilung der Licht- und Schattenmassen
sowie die Silhouette und koloristische Stimmung uns beim
ersten Blick erraten lassen was ungefähr vorgeht, so erfüllt
das vorliegende diese Bedingung denn auch in ungewöhn-
lichem Maße, indem es uns zeigt, wie in einem furchtbar
drangvollen Moment voll äußerster Gefahr aus dem
Dunkel eine leuchtende Gestalt auftaucht, welche die
Rettung bringt. Das Bild hält aber auch im einzelnen
vollkommen, was die so glückliche Masscnverteiluug verspricht.
Wir bleiben vor demselben keinen Augenblick im Zweifel,
däß die Szene 1813 in Norddeutschland spielt, und daß
cs Landwehren sind, welche da die Heimat gegen die
Franzosen verteidigen, denn der Charakter jener Zeit und
ihrer Menschen ist vortrefflich getroffen. Vor allem bei
dem mutigen Mädchen, das in seiner schlichten bürgerlichen
Tracht und seinem selbstvergessenen Eifer so erfrischend
und wohlthuend wirkt, daß wir es ganz gut begreifen,
wie sie diese Wirkung noch in verstärktem Maße auf die
Kämpfer ausüben mußte. Einer derselben, den sie schwer-
verwundet aus deni Gefecht weggetragcn, hat sie bei späterem
Wiedersehen denn auch geheiratet. Sie soll erst vor einiger Zeit
als uralte Frau gestorben sein und hat es wohl verdient,
daß ihre schöne That durch dies gelungene Bild der Nach-
welt aufbewahrt wird. — Dabei ist dasselbe außer seiner
glücklichen Erfindung auch ein koloristisches Meisterstück, so
daß man der Verbindung für historische Kunst, die es nach
der hier preisgekrönten Skizze des Künstlers bestellt hatte,
zu dieser selten gelungenen Erwerbung wohl Glück wünschen
darf. Dem jungen Künstler aber, der seine Aufgabe nicht
nur so gut zu wählen, sondern auch mit sich nie genügen-
dem Eifer so vortrefflich auszuführen verstand, verheißt
das Werk jedenfalls eine ehrenvolle Zukunft.

Von der zahlreichen Kolonie polnischer Künstler, die
wir in München beherbergen, haben sich einige der hervor-
ragenderen zusammengethan, um sich mit artigen Scherzen
auf einer Palette zu verewigen, deren Abbild wir hier
bringen. Aus der Harmonie des ganzen kann man leicht
sehen, wie diese Künstler eine gemeinsame Schule bilden,
die allerdings durch das Genie I. v. Brandts ihren
Charakter ausgeprägt erhalten hat, der die Einzelnen alle
mehr oder weniger beeinflußte.

Ta über Baumeisters schönen Karton von anderer
Seite berichtet worden, so bleibt mir heute nur noch übrig
auf des Wieners Schindler treffliche Landschaft hinzuwcisen,
die direkt an ähnliche Produktionen Everdingens und

Ruysdaels erinnert, während sie doch offenbar durchaus
der Natur entnommen ist. Sie bildete ein hervorragendes
Glied einer kleinen Ausstellung, welche der Künstler hier
vor einiger Zeit veranstaltete und dabei durch die Viel-
seitigkeit seines Talentes ebenso überraschte als durch die
große Lebendigkeit und malerische Gestalt, die er jedem Bilde
mitzuteilen wußte.

Personal- und Ateliernachrichten

— Heinrich von Augeli hat in Düsseldorf ein Porträt
Andreas Achenbachs gemalt, welches den Meister Pinsel und
Palette in den Händen, in prüfendes Betrachten eines neuen Ge-
mälde? versunken, als Kniestück wiedergibt.

-r Professor Woldemar Friedrich, Vorsteher der An-
tikenklasse der Berliner Akademie, hat einen mehrmonatlichen
Urlaub zu einer Studienreise nach Ostindien erhalten; während
seiner Abwesenheit wird der Unterricht in der Antike von dem
Kupferstecher Hans Meyer erteilt.

-r Berlin. Prämiierung bei der akad. Kunstausstellung
in Berlin. Nahezu 14 Tage nach Schluß der Ausstellung sind
die Auszeichnungen bekannt geworden, welche zur Verleihung ge-
kommen sind. Auf Antrag des Senats der Akademie haben
erhalten: a. Die große goldene Medaille sürKunst zwei
Künstler und zwar Professor Ernst Hilde brau d in Berlin für
seine „Tullia" und Bildhauer Adolf Hildebrand in Florenz
für seinen „Kugelspieler" und seinen „Merkur", die derartige Auf-
nahme und Beurteilung fanden, daß sie dem Künstler, welcher
nie die Ausstellungen der Akademie beschickte und sich auch nicht
im Besitze der kleinen goldenen Medaille befindet, sofort die höchste
akademische Auszeichnung errangen; b. die kleine goldene
Medaille für Kunst sechs Künstler: der Maler Robert
Nuß in Wien, für sein im Besitze der Wiener Akademie befind-
liches Ölgemälde „Vorfrühling", der Marinemaler Karl Saltz-
rn ann in Berlin, der einige treffliche Seestücke zur Ausstellung
brachte, der Maler Friedrich Kallmorgen in Karlsruhe für
drei vorzügliche Genrebilder, der Maler Prof. I. Scheurenberg
für sein im Besitze der Berliner Nationalgalerie befindliches Por-
trät Professor Or. Eduard Zellers, ferner der Maler Otro
Friedrich in München für das vortreffliche Ölgemälde „Elisabeth
von Thüringen nimmt im Kloster zu Marburg Abschied von ihren
Kindern" und endlich der Bildhauer Adolf Brütt in Berlin
für seine überaus gelungene Gruppe „Fischer", welche zu den
vorzüglichsten plastischen Werken der Ausstellung zählte. Endlich
hat der Senat 17 Künstlern für die von denselben zur Aus-
stellung eingesandlen Werke eine besondere Anerkennung in Form
der ehrenvollen Erwähnung zu teil werden lassen und zwar:
dem Landschaftsmaler Louis Spangenberg in Berlin für seine
Oelgemttlde, Aquarelle und Kartons sür die technische Hochschule zu
Charlottenburg,demMaler Heinrich Moßle r-Pallenberg in Düssel-
dorf für ein vorzügliches Damenporträt, dem Landschaftsmaler E r n st
Koerner in Berlin für seine attägyptische Landschaften, Emil
Schwabe in Düsseldorf sür sein Ölgemälde „Ungelöste F-rag-n",
den Malern Heinr. Bürck, Fedor Encke und Konr. Kiesel
in Berlin für vortreffliche Leistungen auf dem Gebiete der Porträt-
malerei, Otto Rasch in Weimar für sein Ölgemälde „Bei den
Dokumenten", Maler Ludwig Herterich in München für sein
Historienbild „Anna Stegen, die Heldin von Lüneburg", V.
Valentini in Weimar sür seinen „Zweifler", Julius Berg-
mann in Karlsruhe, welcher das hochinteressante Gemälde „Aus
der Hortobägyer Pußta" ausstellte, Georg Meyn in Berlin
für einen Studienkopf, Berthold Woltze in Blasewitz bei
Dresden für ein in jeder Hinsicht vorzüglich ausgeführtes Pastell-
bild „Mönch im Keller eine neue Weinsorte probierend", dem
Maler-Radierer Ernst Moritz Geyger in Berlin für verschiedene
Radierungen, den Bildhauern Max Klein in Berlin und Ro b.
Baerwald (letzterem für seine Kolossalstatne des deutschen
Kaisers), endlich den Architekten Härtel und Neckelmann in
Leipzig, welche Entwürfe ausstellten, die bereits in den betreffen-
den Konkurrenzen prämiiert worden waren.

— München. Die gesellige Vereinigung der Münchener
Künstlergenossenschast beging kürzlich die Feier des 70. Geburts-
tages des Landschaftsmalers W. Lichten Held.

— Düsseldorf. W. Beckmann hat soeben ein größeres
Gemälde vollendet, welches besonders von der großen R. Wagner-
Gemeinde freudig anfgenommen werden dürfte. Beckmann fahrt
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