Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 3.1887-1888

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Der Dorabend einer Schlacht. Don Heinrich Lang — Das lvasbington-Denkmal


appetitliche Duft frischer Linnen — es war ja ein lang
entbehrter „Odeur", und jetzt konnten wir ja den Ge-
nus; noch genießen — einmal entschlafen, war mir der
Gctreidchanfen vorgestern in Sommauthe auch nicht weniger
wert! Aber siehe da: Mein Better machte allen Ernstes
Anstalten, auch seinen „Blechhosen" den weichen Pfühl
angedechcn zn lassen, und erwiderte mein Schaudern über
eine solche Geschmacklosigkeit mit dem Hinweis auf die
strategische Situation: „wir würden doch sicher heute Nacht
alarmiert". Aber was nützt mir der Mantel, wenn er
nicht gerollt ist! Ich zog mich ganz wie zn Hause aus,
alles stückweise schön geordnet. Bis Jahn das Pferd ge-

sattelt, bin ich auch in der Montur; mit diesem Tröste
plumpse ich glückselig hinein in das Finale des „Wunders".
Es war eine herrliche Episode!

Freilich blies cs ein paarmal; aber gottlob, uns
ging's nicht an bis morgens 3 Uhr, wo Richard fort mußte
— ich mich aber nochmals umdrehte und ans dem letzten
köstlichen Schlummer etwa eine Stunde später mit unserem
Stabszeichen: „Frisch ans, Kameraden, aufs Pferd, aufs
Pferd!" hcrausgetrompetet wurde. Jetzt war's Ernst:

„Der Morgen ist erwacht."

„Für Schlacht!"

Das Washington-Denkmal für Amerika

Lin Atelierbesuch bei Rudolf Siemering

l^or wenigen Wochen hat das Reiter-

standbild George Washingtons, welches
Professor Rudolf Sicmering in ameri-
kanischem Aufträge entworfen und ausge-
führt hat, die Stätte, wo der Meister es
geschaffen, verlassen. In den Werkstätten
von Gladenbeck legte man die letzte Hand
an die Ziselierung und zimmerte das höl-
zerne Haus, in welchem der erzene
Rieft die Fahrt nach de» Vereinigten Staaten
angetreten. Aus Rollen ward das Monu-
ment, das gut seine hnndertzwanzig Zentner
wiegt, nächtlicher Weile durch die Straßen
Berlins transportiert, alsdann in ein
Schiff gebracht und nach einem nord-
deutschen Hafen geschleppt, von dem aus es
die Reise über den Ozean per Steamer
zurücklegt.

Diesem ersten Stück wird bald ei»
zweites, bald ein drittes folgen, denn späte-
stens im Jahre 1890 soll das vollendete
Denkmal das Atelier des Bildners verlassen,
so erheischt cs der Vertrag, den die Elite
der Gesellschaft von Philadelphia mit
Sicmering abgeschlossen hat. Im Herbste
1883, hundertJahre nach der durch den Frie-
dcnsschlnß zu Annapolis besiegelten Be-
gründung der nordamerikanischen Republik,
hatten diese beiden Staaten einen Wett-
bewerb unter amerikanischen und euro-
päischen Bildhauern für ein Washington-
Denkmal ausgeschrieben, und Rudolf
Siemcring hatte den Sieg davongetragen.

Rund eine Million Dollar war der Preis,
den Amerika dafür angesetzt hatte.

Das Werk des deutschen Künstlers ist nicht nach
Geldeswert abzuschätzen. Unter den monumentalen Kunst-
werken Europas sind wenige, unter denen der neuen Welt
gewiß keine, welche dem Denkmal zur Seite gestellt werden
können, das langsam unter der Hand des Modelleurs
der Vollendung entgegenreift. Der Boden, auf dem einst
Rauchs Friedrich der Große entstanden und aus dem
nun Siemerings Washington emporwächst, scheint die
Arbeit gleichgesinnter Künstler zn segnen, das Schicksal es
fügen zu wollen, daß der Schüler sein Meisterwerk an

Washington-Denkmal, von R. Siemering

der nämlichen Stelle vollendet, an welcher dem Lehrer
sein Höchstes gelungen . . .

Von Jugend auf war Ranch Siemerings Ideal.
Von dem Tage an, da der einfache Tischlergesell sich end-
gültig für den Künstlerberuf entschied und mutig den
Kampf mit Eltern, Freunden, kurz mit der ganzen Welt,
die sich ihm warnend entgegenstellte, anfnahm, um der
Stimme des inueru Dranges zu gehorchen, blickte er zu
Rauch wie zu einer Höhe hinauf, nach der er streben
wollte. Als zwanzigjähriger Jüngling kam er aus seiner
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