Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 5.1889-1890

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Die erste Münchener Iahres-Ausstellung >88I. VIII. Die fremden Nationen

leicht in der Schilderung von Samt und Seide u. dgl. aufgeht, hier aber ein wirklicher Seelenmaler ward,
der zugleich eine Delikatesse und flotte Meisterschaft in der Zeichnung vereinigt, wie sie uns fast nie erreicht
werden. Sie zieren auch Conti, der es diesmal übernahm, eine Soldatenkneipe des siebzehnten Jahrhunderts
ganz in Vineas Geschmack zu schildern. Mit nicht geringerer Buntheit, aber auch ebenso großer Wahrheit. —
Indes möchte nach letzterer Seite hin unser Diez doch beide noch übertrefsen. Andreotti gibt dann noch
eine weitere Kellerszene mit Akrobaten und derlei Gesindel, ebenfalls nicht ohne das Verdienst geschickter
Erfindung und Zeichnung. — Sorbä, ein andrer Florentiner, bringt eine Serenade von Musikanten vor
einem Bauerngehöft reizend liebenswürdig charakterisiert und gezeichnet, so daß man da das toskanische Volk
erst recht lieb gewinnen kann. Der nach Landesart sehr viel plebejischere Neapolitaner Chierici schildert dann
ein kleines, in der Küche allerliebst mit Katzen spielendes Mädchen, das dann im zweiten Bild durch den
Überfall einer Herde nach seiner Milchschüssel lüsterner Gänse in nicht geringe Not versetzt wird. Beides
derb komisch mit viel Geschick gegeben. Corcos zeigt sogar das einzige Porträt, eine am Seestrand spazierende,
elegante und mit echtem Pariser Chic sehr verheißend lächelnde Dame. — Am zahlreichsten haben sich die
Venezianer eingestellt, von denen nächst Nonos Meisterwerk auch noch die von zwei alten Sündern belagerte
Susanna des Favretto als koloristisch verdienstlich zu erwähnen, wie auch Silvio Rottas am Lido sitzendes,
brillant gemaltes Bauermädchen. Lancerottos „zwei Koketten" zeigen nicht minder Favrettos Einfluß in
ihrer übermäßig flotten Art, und Milesis Perlenarbeiterinnen, bunt und lustig, sind auch sehr echt. Vom
Holzsammeln aus dem Walde im Schnee zurückkehrende Bäuerinnen bringt dann Cima recht wahr und
wirkungsvoll. Dasselbe Wetter zeigt auch der Wälschtiroler Prati in seiner mitten im Schnee fröstelnd
aus der Kirche zurückkehrenden „goldenen Hochzeit". Natürlicher freilich steht den Italienern der Sonnenschein,
wie ihn Ciardi nicht nur auf seinen köstlichen Lagunenbildern, sondern auch auf den Marmorpalästen des vom
Rialto gesehenen Canal-Grande liegen läßt, wo er sich als würdiger Rivale Canalettos, nur weniger nüchtern,
erweist. In Fragiacomo hat er bereits einen geschickten Nebenbuhler gefunden. Wie Frankreichs Einfluß in
der Lombardei am stärksten zeigt uns der Brescianer Barbieri, dessen sehr überflüssig lebensgroße Lumpe
mehr von Courbet als von italienischer Art zeugen. Auch des Mailänders Giulianos „Ährenleserinnen"
zeigen diesen Einfluß. Umso weniger ist davon bei den Römern zu entdecken, von denen Joris eine köstliche
kleine Lotteriebude gebracht hat, während Vannutelli durch eine keck und frisch gemalte venezianische Prozession
nach der Giudecca erfreut, obwohl sie sich an Feinheit der Charakteristik mit Passinis bekanntem Bild nicht
entfernt messen kann. Dergleichen durch und durch überlegte und gewählte Arbeit ist überhaupt nicht italienische
Art. Talentvoll wie sie es fast alle sind, lassen sie sich immer von diesem Talent oft bis zur Fabrikation
fortreißen, aber auch tragen, entschädigen durch ihre Leichtigkeit und Frische für das, was ihnen an Nach-
haltigkeit abgeht. — Sie aber, wie in neuerer Zeit öfters geschehen, der so viel reicheren und tieferen deutschen
Kunst gar als Vorbilder aufstellen zu wollen, dazu gehört schon jene bodenlose Oberflächlichkeit und Vorliebe
für alles Fremde, wie sie in einem Teile unsrer Tagesschriftstellerei allerdings nur zu häufig sich breit macht.
3. Spanier, Polen, Russen re.
^on den voriges Jahr so reich ja glänzend vertretenen Spaniern haben sich diesmal nur wenige eingestellt,
^ die natürlich wieder alle in Rom oder Paris leben, da man in Spanien selber, genau wie bei uns,
sichs so viel Geld kosten läßt Maler zu züchten, daß man nachher keines mehr übrig hat, um sie zu beschäftigen.
In Madrid, Sevilla, Barcelona und Gott weiß wo noch finden sich Kunstakademien, die größte und glänzendste
aber in Rom, was wenigstens das Gute hat, daß die Künstler dann gleich dort bleiben können, wo sie etwas
weniger Aussicht haben, zu verhungern, als in Spanien. SoAlcazarTejedor, dessen Taufe (Abb. s. Jahrg. IV,
Heft 21) ein ganz hübsches Bild ist, obwohl er weder die besseren Italiener, noch seinen Landsmann Benlliure
erreicht. Von letzterem ist diesmal nur ein ziemlich unbedeutendes Bild da, welches den Hof eines Waffenschmiedes
darstellt, in welchem ein Savoyarde die herumsitzenden Soldaten durch ein Äffchen belustigt. Geistvoll trippelnd
gemalt, erreicht es doch nicht einmal das, welches wir sehr unmotiviert für die Pinakothek erworben haben,
statt der ungleich besseren Preisverteilung in Valencia, die unsre Leser kennen. Aranda hat dann aus Paris
ein in der Behandlung auffallend hartes Stiergefecht (Abb. s. Jahrg. II, Heft 20) und eine Gesellschaft von alten
Zöpfen geschickt, welche sich vor Lachen ausschütten wollen über ein Pasquill, welches der witzigste von ihnen
vorliest. Das ist aber doch mehr gut gespielte Komödie als Wirklichkeit. Meifren gibt endlich den Hafen von
Barcelona in köstlich Heller Mondnacht, womit die spanische Beteiligung in der Hauptsache erschöpft wäre.
Von Russen hat der alte Aivasowsky einen Sonnenuntergang in der Polarzone und einen dito
Aufgang derselben in Konstantinopel gesandt, die beide gleich schwer und lichtlos gemalterscheinen. Von Rosen
ist eine militärische Szene nicht ohne Lebendigkeit gegeben. Roubauds' Bild aus Samarkand haben wir
schon gedacht, voll Leben und Eigenart ist aber eine Wolfsjagd in der Steppe von Kiwschenko, wohl das
talentvollste der russischen Bilder. Ungleich reicher sind die Polen vertreten, die freilich als in der Mehrzahl hier
gebildet, zu unsrer Schule gerechnet werden müssen, obwohl sie alle ihren eigentümlichen Charakter mit großer
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