Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 5.1889-1890

Seite: 90
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lveihuachtsbücherschau. vom Herausgeber


Protzen an die Seite zu setzen wüßte, denen sie aber an Intel-
ligenz und Weitläufigkeit doch sehr überlegen erscheinen. Überdies
sind sie mit einer Einfachheit der Mittel — bloße Bleistiftzeich-
nungen — geschildert, welche die Meisterschaft in der Beherrschung
der-Form und Darstellung des Individuellen, in der Bewegung
der Figuren erst recht hervortreten läßt. Die folgenden Blätter
zeigen uns die Vorbereitungen und den Abgang der einzelnen
zum Feste, uns so mit den maßgebendsten Mitgliedern der Ge-
sellschaft — besonders auch mit den weiblichen — bekannt
machend. Ebenso mit dem Festschauplatz, einer Kneipe bei
Haarburg samt den Wirtsleuten und der Dorsjugend. Bald
nach der feierlichen Ankunft -folgt das Festessen, gewürzt durch

Drr Toast auf Herrn Grimm, von L. kV. Alle
Toaste der glänzendsten Redner, die mit alter deutscher Lopalität
in einem solchen auf den hochverdienten Vorstand, Herrn Grimm,
gipfeln, der zu charakteristisch sür den Stil des ganzen ist, als
daß wir uns versagen könnten, ihn mitzuteilen, um auch andern
Gelegenheit zu geben, die stille Bewunderung der dicken Nach-
barin besagten Herrn Grimms für die Verdienste des Gefeierten
zu teilen. Es folgt nun noch eine Reihe der lustigsten Szenen,
die sämtlich so sehr den Charakter des Erlebten tragen, daß man
der komischen Erzählung ganz unbedingt glaubt, auch wenn die
Tafel endlich ausgehoben wird und die Gesellschaft sich teils wie
die liebe Jugend ins Dorf verliert, teils wie die älteren Damen
beim Kaffee „Haushaltungspolitik" treibt, oder sich dem
Gesang und dem besonders komisch geschilderten Kegelspiel
widmet, um mit einem nicht weniger köstlich solennen Tanz-
vergnügen zu schließen.

Bei dem allen kommt nun aber so gar keinerlei Szene
der Rohheit, Völlerei oder Schlüpfrigkeit vor, das Albuin legt
in seiner drolligen, behaglichen Art ein so gutes Zeugnis für
die ebenso gemütlichen als auch solid bürgerlichen Sitten der
Beteiligten, besonders auch für die Innigkeit des Hamburgischen
Familienlebens ab, daß es uns wahrhaft entzückt und erfrischt,
ja als ein Triumph norddeutscher Art überhaupt gelten kann.
Dies wird besonders durch die überall sich durchziehenden, in
ihrer naiven Unbefangenheit und Anmut meisterhaft getroffenen
Kinderszenen bewirkt, die das Ganze wie mit Blumenkränzen
schmücken, da sich Allers auf diese Kinder- und Backfischpoesie
unübertrefflich versteht. Dabei ist nun noch zu bemerken, daß
das Ganze vom gesundesten Realismus getränkt
ist und der Künstler beim offensten Auge für alles
Schöne doch keine Spur von romantischer Sen-
timentalität zeigt. Ja es ist so durchaus objektiv,
daß es gerade darin nicht von einem einzigen Bild
in unsrer letzten Ausstellung überboten, von den
wenigsten erreicht werden dürste. Darum wird es
denn auch in seiner schlichten Wahrheit noch nach
Jahrhunderten als ein ehrendes Zeugnis Ham-
burgischen Bürgerlebens unsrer Zeit betrachtet
werden können, genau wie die Chodowicckyschen
Schilderungen, die es übrigens an Meisterschaft
der Zeichnung weit übertrifft, heute noch als eine
der besten des Berliner Lebens im vorigen Jahr-
hundert gelten.
In der Schärfe der Charakteristik dem eben
aufgeführten Allers verwandt, aber verbunden
mit dem Reiz wilder Romantik erscheint eine Mappe
mit zehn Kohlenzeichnungen des genialen Werner
Schuch (12 M. Verlag von C.T. Wiskott, Breslau),
das eine Fortsetzung von Julius Lohmepers „Aus
Studienmappen deutscher Künstler" bildet
und wo man diesen gerade in neuerer Zeit merkwürdig
gewachsenen Künstler erst recht gereist sieht, wie denn
besonders ein „Friedrich der Große", dann zwei
Szenen auß der Schlacht von Leipzig durch die
geistvolle Auffassung der historischen Persönlich-
keiten, wie die überaus scharfe Charakteristik über-
raschen, aber auch alles übrige ungewöhnlich fesselt
durch die Ursprünglichkeit der Begabung und die
echt poetische Kraft, die daraus spricht. Einen
weiteren Teil desselben Unternehmens bildet dann
eine Grützner Mappe (Preis 12 M.), in welchem
wir die Kartons zu einigen der besten Bilder des mit
Recht so beliebten Meisters finden. So die Szene
in Auerbachs Keller deren Frische die des Bildes
noch übertrifft wie denn alle Blätter Zeugnis
von der gesunden Begabung dieses Künstlers
ablegen.
Im starken dramatischen Leben und der
Vorliebe sür kriegerische Szenen Schuch verwandt
erscheint' das „Joseph v. Brandt-Album"
(München, Phologr. Union. Preis 30 M.) mit
einem Dutzend Photographien nach neueren Bil-
dern dieses Meisters aus dem Jagd- und Kosaken-
leben seiner Heimat und der Ukraine, deren
malerischen Reiz er so unvergleichlich wiedergibt.
Durch dieselbe starke Ausprägung des lokalen
Charakters in Landschaft und Menschen wie Brandt
erfreut auch Wilhelm Jen scnsnunmehrvollendeter
„Schwarzw a l d" (Berlin, Reuther. Kpl. gebden
25 M.), weil hier alles ein nicht nur echt deutsches,
sondern auch jugendlich frisches Aussehen trägt, von Heller Freude an
der Schilderung der geliebten Heimat zeugt. Emil Lugos und Max
Romans landschaftliche Illustrationen geben nicht nur das spezifische
der Art des Schwarzwaldes vortrefflich wieder, sondern haben zu-
gleich auch jenen ganz persönlichen Charakter, der den Kunst-
werken erst den rechten Reiz gibt, und die Holzschnitte von
Heuer und Kirmse haben ihn auch nicht verwischt. Dasselbe gilt
von Hasemanns dem dortigen Volksleben entnommenen, oft
ganz köstlichen Illustrationen, so daß man die Hefte in der That
ausjchlagen kann, wo man will und sofort sagen wird: „Das
ist aus Baden, wenn nicht aus dem Schwarzwald!" — Selbst
die Arbeit des Verlegers als Ausstatters und Anordners dieses
durchaus liebenswürdigen Werkes ist vortrefflich besorgt, wie der
Text Jensens, obwohl beide Norddeutsche sind und also der
angeborenen badischen Färbung entbehren, welche die Maler
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