Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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Das Samenkorn.

DAS SAMENKORN. „Der Sabbath ist um
des Menschen willen gemacht, und nicht
der Mensch um des Sabbaths willen." Die
Pharisäer des alten Jerusalem, denen der Herr
dieses klare Wort entgegenschleudern mußte,
sind von derselben Rasse wie die Schriftge-
lehrten von heute, die sich im Tempel der Kunst
eingenistet und über den Vorhang ihr l'art pour
l'art gesetzt haben. Der Mensch, das Leben,
der Kosmos ist ihnen so viel wert als das Scher-
messer, das sie niemals über das langgelockte
Haupt kommen lassen. Wie die Wespen im
Siruptopf wälzen sie sich auf dem Plüschsofa
des Kaffeehauses, um den gewöhnlichen Sterb-
lichen, deren Nerven und Hirn vom Absynth
noch nicht erweicht sind, den Glauben an die
männlich starken, reifen und herrischen Kunst-
taten zu nehmen. Bei ihnen gilt nur das kranke
Spiel wirrer Sinne. Kunst verwechseln sie gern
mit ausgearteter Sinnlichkeit, und dieses Blend-
werk der Kaffeehöllen scheint allmählich ganze
Volksschichten zu verwirren. Kunst, die wie
ein trockener Balg abgezogen wäre von allem,
was Leben heißt, taugt wahrlich nicht mehr als

ein Mensch ohne Lenden. Alle große Kunst
ist eine besondere Art der Lebensbejahung,
der Welteroberung. Sie hilft uns die Sphinx-
rätsel des Daseins lösen, schlägt uns Brücken
über den Schlamm des gemeinen Alltags, spen-
det Kräfte, das Chaos zu ertragen und zur
Form abzuklären. Künstlerische Möglichkeiten
stecken in jedem Triumph über die Materie,
stecken in der Leistung des Brückenbauers,
der seine Bogen spannt, stecken in der Hand
des Chirurgen, in der Taktik des Feldherrn
wie in dem Wort des Predigers. Der Künstler
gibt nur eine besonders klare, eine besonders
eindringliche Kristallisation dieses Willens zur
Form. Er entwickelt aus all dem, was da wird
und vergeht, das Samenkorn: Die Synthese
des Bestehenden, die zugleich den Keim
für die Zukunft enthält. Auch das Sa-
menkorn ist im Sinne des Lebens eine
Übergangsform. In den rechten Boden ge-
legt, treibt es wie jede echte Kunsttat neue
Energien, die tausendmal wichtiger sind als
alle gemalten, gemeißelten und gezeichneten
Sinnenräusche. — paul westheim.
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