Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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ENTW. U. AUSF.- LEOPOLIJINE KÖNIG—WIEN.

Kupferkassette mit Emailleplatten.

OESTERREICHISCHES KUNSTGEWERBE.

Als ich an dieser Stelle über die vorjährige
L Kunstgewerbe-Ausstellung im österreich-
ischen Museum berichtete, konnte ich schreiben,
daß die österreichischen Kunstgewerbler auf
„guten Wegen" vor- und aufwärts schreiten;
nun erbringt die diesjährige Ausstellung den
erfreulichen Beweis, daß keine Ermattung ein-
trat, sondern daß tapfer und erfolgreich aus-
geharrt wird auf den eingeschlagenen neuen
Wegen, und daß sich zu den ersten Wegsuchern
neue Wandergenossen gesellten.

Der Wiener hat unbestreitbaren Kunstsinn,
und zwar jene besondere Spielart des Kunst-
sinns, der auf all jene Dinge gerichtet ist, mit
denen man sich gefallsam umgeben kann, die
einen intimen Hintergrund und einen reichen
Rahmen schaffen helfen für eine luxuriöse
Lebensführung. Der Wiener verstand es seit
jeher, sich „einzurichten" und war seit jeher für
dekorative Werte sehr empfindlich und emp-
fänglich. Sein Kunstgewerbe war nicht immer
autochthon wienerisch, hatte nicht immer einen
ursprünglichen und eigenwüchsigen Stil, war
vielmehr oft genug ein Extrakt aller europä-
ischen Kulturen, aber stets reizvoll in der Form,
mochte sie mitunter auch aus einer geschickten
Verschmelzung verschiedenster europäischer
Elemente bestehen. Am längsten währte der
Einfluß der Kongreßzeit auf das Wiener und
damit auf das gesamte österreichische Kunst-

gewerbe. Dieser Einfluß hatte einen gewissen
Konservatismus gezeitigt, einfach deshalb, weil
die kunstgewerblichen Erzeugnisse der Kon-
greßperiode immer handwerklich überaus ge-
diegen sind. Wir Heutigen finden uns geneigt,
dieser konservativen Gesinnung und Haltung
teilweise das Wort zu sprechen, weil sie wäh-
rend der berüchtigten „Gründerperiode" den
völligen Zusammenbruch des stilbildenden Ge-
fühls und den Verlust der handwerklichen Über-
lieferung verhinderte. Es gab in Wien, das mit
gutem Geschmack als letzten den Biedermeier-
Stil geschaffen hatte, im zweiten und dritten
Viertel des vorigen Jahrhunderts zwar ebenso
wenig wie anderwärts einen eigenen Stil, der
der Zeitepoche angehört hätte, ja kaum ein
Suchen, Verlangen darnach, aber immer noch
gab es eine verhältnismäßig tüchtige Handarbeit,
trotz der Konkurrenz mechanischer Mittel, die
der zunehmende Industrialismus zur Anwen-
dung brachte. Gewisse kunstgewerbliche Ar-
beiten bezog das Ausland nach wie vor mit
Vorliebe aus Österreich, weil es wenigstens die
eine Gewähr hatte, daß die Dinge „gut gemacht"
waren. Diesem Umstand verdankt es das öster-
reichische Kunstgewerbe, daß es trotz jahre-
langer Stagnation im Künstlerischen der vom
Ausland gebotenen Anregung zu modernen
Reformbestrebungen rasch und leicht folgen
konnte. Die „chinesische Mauer" war gefallen,

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