Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

Page: 352
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1911/0366
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
STICKEREIEN UND SPITZEN.

Materialechtheit, Gediegenheit der Technik
und Harmonie zwischen Entwurf und den
verwendeten Materialien sind die Grund-
elemente, auf denen sich eine vollwertige
Handarbeitskunst aufzubauen vermag. Auch
das ganz Einfache, aber materialgerecht Ge-
schaffene kann schön sein, aber für die fort-
schreitende Stickerei- und Spitzen-
kunst, die naturgemäß einen stetig steigen-
den Reichtum der Wirkung anstrebt, ge-
winnt das Problem der schönen Form ganz
besondere Bedeutung. Aus der Vereinigung
der beiden Faktoren, Materialschönheit und
Formschönheit, — die leider nur allzuoft in
unserem Kunstgewerbe getrennt sich zeigen,
oder überhaupt noch nicht als Richtschnur
für den Schaffenden gelten —, erwächst erst
jene Vollendung, die ein Erzeugnis der ange-
wandten Kunst begehrenswert erscheinen
läßt. Soll die künstlerische Handarbeit wie
früher in allen Kreisen eine Heimstätte finden,
so muß sie in immer steigendem Maße zu er-
freuen vermögen, reizvolle Anmut muß,
wie in allen Blütezeiten, ihre wesentlichste
Eigenschaft sein. Insbesondere jene Hand-
arbeit, die in Beziehung zu unserer vornehmen
Raumkunst, sowie zu der Toilette der modernen
und mondänen Frau tritt, wird immer mehr die
Merkmale disziplinierter Eleganz und
Grazie aufzuweisen haben. — Die neuzeit-
liche Stickerei-Kunst ist schon in einer be-
merkenswerten Aufwärtsbewegung begriffen.
Wer die zum Teil hervorragenden Leistungen
der jüngsten Zeit auf diesem Gebiete verfolgt,
kann sich nicht der Überzeugung verschließen,

daß, sofern die tätigen Kräfte immer mehr ge-
läutert , verstärkt und auf das rechte Ziel hin-
geleitet werden, auch unser und das kommende
Zeitalter Werke hervorbringen wird, die in
jeder Beziehung den Vergleich mit den Kunst-
werken früherer Zeiten bestehen.

Aber auch die Spitze, die bisher noch im
Hintergrund stand, beginnt, — dank dem ener-
gischen Eintreten maßgebender Kreise für die
Wiedererweckung dieser schönen Kunst und
ihrer außerordentlich zunehmenden Beliebtheit
in der vornehmen Frauenwelt —, zu neuem
Leben zu erwachen. Diese Neigung der kul-
turell hochstehenden Frau für jene zartesten
und formschönsten Gebilde der angewandten
Kunst, in denen durch intensive künstlerische
Verarbeitung die höchstmögliche Veredelung
und Vergeistigung eines Materiales sich
vollzieht, ist begreiflich: . . . „Nichts ist so sehr
vom Weibe für das Weib geschaffen, wie die
Spitze. Nichts kleidet die Frau, — ob Kind
oder Greisin —, besser und lieblicher wie die
Spitze. Alle Spitzen haben eine eigentümliche,
nicht genug gewürdigte Eigenschaft, sie werden
niemals unmodern. Echte Spitzen sind der in-
dividuellste Zierat, den eine Frau haben
kann." (Berta von Jurie.) — Wenn auch die
in hohem Maße vervollkommnete neuzeitliche
Maschinenspitze treffliche Dienste leistet und
unentbehrlich geworden ist, so wird doch die
teurere echte Handspitze immer mehr an
Schätzung gewinnen in jenen Kreisen, die ihre
edleren Qualitäten zu würdigen vermögen und
in der Lage sind, die dafür erforderlichen Auf-
wendungen zu machen. — lang-danoli.

352
loading ...