Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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KI RSCHKERN BEISSER.

GK AU WÜRGER.

DIE POTTNER-VÖGEL

DER GROSSHERZOGLICHEN MANUFAKTUR KARLSRUHE.

Seit den letzten zwei Jahren hat die Groß-
herzogliche Manufaktur, kunstkeramische
Werkstätten, Karlsruhe in Baden, im besten
Sinne des Wortes von sich reden gemacht.
Wagemutig hat sie neue Wege gesucht und ge-
funden, nachdem sie die Platten- und Gefäß-
Fabrikation nicht mehr als alleinige Aufgabe
ihrer Gründung ansieht, sondern die figürliche
Plastik, und in jüngerer Zeit auch die Bau-
Keramik in ganz bedeutendem Umfange und
mit sorgfältigster Pflege in ihren Arbeitsbereich
gezogen hat. Man darf billigerweise dabei an-
deuten, daß ein so sichtbares Aufblühen einer
fürstlichen Manufaktur nicht letzthin von Für-
stengunst und fürstlicher Liebhaberei allein be-
dingt ist, sondern , daß das Schicksal solcher
Unternehmungen, die sich mit der Zeit doch
zum mindestens selbst erhalten sollen, eben-
soviel abhängig ist von der Tatkraft, dem Scharf-
sinn, ja auch von Feingefühl und Takt der mit
der Verkörperung solcher fürstlichen Neigungen
betrauten Personen. — Diese Ausführungen
haben zwar nur die Aufgabe, sich mit den jüng-
sten Erzeugnissen der Karlsruher Manufaktur
zu befassen, aber die Billigkeit und Gerechtig-
keit fordern es, hier hervorzuheben, daß diese
Manufaktur innerhalb der letzten zwei Jahre
eine weit über die anfänglichen Erwartungen
ihres fürstlichen Gründers hinausgehende Ent-
wicklung genommen hat.

Es genügt nicht allein, daß ein Fürst die
Initiative ergreift, es müssen auch Männer mit

der Verwirklichung betraut werden, die seinen
Ideen Verständnis entgegenbringen und den
festen Willen haben, dem Unternehmen zum
Gedeihen zu verhelfen. Zu weit kann darin
selten gegangen werden. Hier ist etwas Wage-
mut, etwas modern kaufmännischer Geist besser
am Platze als ein zu zaghaftes Abwarten. Auch
eine fürstliche Liebhaberei auf solchem Gebiete
der Kunst-Industrie verfällt der Spielerei und
Nichtbeachtung, wenn sie sich im Laufe der
Zeit nicht zu einem ernsten und edlen Spiel
auswächst, wenn einem Messen der Kräfte mit
ähnlichen privaten Unternehmen ängstlich aus
dem Wege gegangen wird.

Auch in dieser Erwägung darf man die bei
der Manufaktur Karlsruhe waltenden Faktoren
und wirkenden Kräfte als überaus gesund und
fortschrittlich bezeichnen. Hier arbeiten zu-
nächst Künstler und Kaufmann mit seltenem
Geschick Hand in Hand. Die derzeitige kauf-
männische Leitung weiß mit Glück den Tages-
stimmungen vorzugreifen und der Manufaktur
nach Qualitätsarbeit und Leistungsfähigkeit
einen Platz zu erringen, der sie schon heute
ebenbürtig an die Seite der alten Staats-Manu-
fakturen stellt.

Gerade die jetzt herausgekommene entzük-
kende Kollektion Pottnerscher Vogeltypen
spricht dafür, daß die Manufaktur Karlsruhe nicht
abwartend nachfolgen, sondern wagemutig vor-
auseilen und Weg führend werden will. Sie er-
warb vom Künstler das alleinige Ausführungs-

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