Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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PROF. E. BRACHT.

»Waldwiese«

DIE KUNST-AUSSTELLUNG DARMSTADT 1911.

VON DR. CARL WETCHARDT-FRANKFURT A. M.

Jede Frühjahrs-Ausstellung hat eine schwere
Konkurrenz zu bestehen: den Frühling da
draußen, den jubelnden Ausbruch des schäu-
menden Meers frischer Farben rings über die
Erde hin, silberne Wolken und selig-blaue
Weiten. Es wird einem bange um die Kraft
der Kunst, tritt man aus diesem mailichen Flim-
mern der Welt in die kühlen Bildersäle, nicht
zum wenigsten, wenn man eben von der hohen
Terrasse des Olbrichschen Ausstellungs - Ge-
bäudes auf der Darmstädter „Mathildenhöhe"
den reichen Rundblick über die blühenden
hessischen Lande genossen hat. Aber es ist
keine Frage: fast jede Ausstellung heute ver-
trägt die Nebenbuhlerschaft der Natur leichter
als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Ein-
mal hat sich der Selbstbesinnungsprozeß in den
bildenden Künsten, voran in der Malerei, heute
vollendet, auch der Durchschnittskünstler will
nur noch malen, radieren, oder was sonst, das
heißt mit seinen eigensten Mitteln wirken und
fast nirgends mehr Geschichten erzählen, lebende
Bilder stellen, Poesie illustrieren; kurz der Weg
zur Natur und zur Kunst geht heute auch für
den mittelmäßigen Maler nicht mehr über die
Literatur, und das gibt unseren Ausstellungen

jetzt ein so ehrliches, natürliches Gesicht, wäh-
rend vor einem Jahrzehnt diese Ehrlichkeit noch
eine Besonderheit war. Dann beginnt, auf der
anderen Seite, wo die Selbstbesinnung schon
längst selbstverständlich war, seit einiger Zeit
auch die Selbstbeherrschung zu wachsen: Die
Natur soll nicht mehr um jeden Preis und mit
bewußter Absicht durch die Subjektivität des
Künstlers übertrumpft oder gar vergewaltigt
werden, sondern die einen schöpfen aus ihr nur
die Elemente für die reinen Gebilde ihrer Phan-
tasie, die anderen geben sich ihr wohl mit allen
Sinnen hin, suchen aber die wirre Fülle der
Eindrücke zusammenzufassen, die Kompliziert-
heit der Erscheinungen zugleich zu vereinfachen
und, in ihrer Wirkung, zu steigern, — wie es
das Gebot ihrer menschlichen Individualität
und das Gesetz der Kunst erheischen. Der
Impressionismus ist, gottlob, nicht „überwun-
den", er ist nur seiner selbst sicher genug
geworden, um die neue Tendenz zum Dekora-
tiven nicht mehr fürchten zu müssen, und wo
eine starke Persönlichkeit die impressionistische
Technik in die Hände bekommt, da erwächst
nun eine neue Monumentalität, oder es ent-
stehen doch Kunstwerke von intensivster, un-

1911. ix. i.

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