Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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MALER HANS HEIDER—MÜNCHEN.

VON WILHELM MICHEL.

Die Kunst ist vielfältig, in ihren Mitteln, in
ihren Zielen, in ihren Antrieben. Man
spricht von ihr als von einem einheitlichen Be-
griff, die Ästhetik bemüht sich unablässig, das
künstlerische Streben auf irgend eine letzte
Formel zu bringen. Aber was den einen zum
Schaffen verlockt, belächelt der andere, und
des Dritten Sehnsucht heißt bei beiden Chimäre.
Der sucht das Flüchtigste des Momentes festzu-
halten, jener will die beherrschenden monumen-
talen Linien aus dem Gefüge der Erscheinung
gewinnen. Rasch und flüchtig notiert der eine,
treu und fleißig müht sich der andere um den
Bildwert und um die Größe architektonischen
Aufbaues. Wenn es ein einziges Ziel der Kunst
gibt, so gilt es, sich mit der Überzeugung zu sät-
tigen, daß dieses Ziel nicht nur auf verschiede-
nen, sondern sogar auf entgegengesetzten We-
gen erstrebt werden kann. Da ist Raum für
viele Temperamente und für unzählige Abstu-
fungen der Begabung. Wenigen ist das Höchste
zugänglich, aber neben dem Höchsten behauptet
das Feine, und neben dem Feinen behauptet
das Tüchtige seinen ehrenvollen Platz.

Von Tüchtigkeit und Redlichkeit des Wollens
wie des Könnens haben mir wenige der gegen-
wärtigen Maler einen so hohen Begriff gegeben
wie Hans Heider. Es gibt eminent viel Geist
in der heutigen Malerei und eine Menge welt-
umspannender Ambitionen. Die Maler haben
das Sprechen und das Schreiben gelernt und
haben uns viel große und gute Worte über Sinn
und Ziel ihres Strebens hören lassen. Die viel-
geschmähte „Literatur", die vor einigen Lustren
mitEklat aus der Malerei hinausgeworfen wurde,
kehrt auf tausend Schleichwegen wieder in sie
zurück. Nicht als „Novelle", nicht als amüsante
Fabel, sondern als Weltanschauung, als geist-
reiche Reflexion, die das lädierte malerische
Temperament stützt oder gar ersetzt. Wie tief
empfindet man daneben die Vorzüge einer Ma-
lerei, die ehrlich und auf geraden Wegen aus
einem ungebrochenen männlichen Tempera-
mente hervorgeht! Man soll sich sicherlich
nicht verblenden gegen die hohen Reize, welche
eine differenzierte Geistigkeit auch in der Ma-
lerei hervorbringen kann. Aber prachtvoll
munden neben ihnen immer wieder die reinen,

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