Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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Kleine Kunst-Nachrichten.

Den durch den Deutschen Künstlerbund zur Ver-
teilung gekommenen Villa Romana-Preis haben der
Maler FriIg Rhein-Berlin für seine Bildnisse und
der Bildhauer Ludwig Cauer-Wilmersdorf für
einen „Speerträger" erhalten. Das größte Interesse
nimmt Max Klingers neue Marmorgruppe in An-
spruch, die symbolisch in einer rhythmisch ge-
schlossenen Rundplastik das Erwachen des Weibes
zum Leben und zur Liebe, das Aufdämmern aus
dem Unbewußten in das Bewußtsein des persön-
lichen Lebens mit allen Schmerzen und Seligkeiten
der Individuation in zwei Variationen darstellt.
In Bezug auf den weichen Fluß der Formen-
durchbildung des jugendlichen, schwellenden
Frauenkörpers und den sinnlichen Reiz der Ma-
terialbehandlung steht dieser Marmor der „Ba-
denden", der „Kauernden" und der „Diana" des-
selben Meisters nahe. Von den zahlreichen pla-
stischen Arbeiten in Bronze, Marmor und an-
derem Stein (meist Büsten und Kleinplastik) sind
nächst Klingers Gruppe und seinen zwei Bronze-
büsten von Lamprecht und Steinbach, in denen ein
starkgeistiges Leben in ebenso weichen und freien,
wie wuchtigen und fleischigen Formen heraus-
modelliert ist, in erster Linie und allen übrigen
voran Matthieu Molitors Bronzen zu nennen,
ein lebensgroßer „Speerträger", eine auch in kleinen
Maßen monumental empfundene Napoleonstatuette
und eine Büste des Leipziger Universitätsprofessors
Sievers, die ein Meisterwerk der Porträtplastik ist.
Unter den Gemälden ist eine Landschaft von Thoma,
„Goldene Wolken", vom Jahre 1910 eine freudige
Überraschung. Der Meister ist jung geblieben;
mit dem ganzen Können, dem feinen Blick und der
Frische seiner besten Jahre, der Zeit seiner Meister-

landschaften (um 1870) ist dieses weite, von fein-
stem Naturleben erfüllte, sonnenverklärte Land ge-
malt. Den großen Sonnenmalern Claude Lorrain
und Turner reiht sich Thoma hier würdig an.
Trübner hat einen Buchenwald vom Jahre 1876
und seine „Gigantenschlacht" geschickt, Haider
das mit altmeisterlicher Innigkeit ausgeführte Bild-
nis seiner Frau, Max Liebermann zwei sonnige
und bewegte Meeresstudien, Kalckreuth ein
schlichtes und inniges Knabenbildnis, Olde sein
Liliencronporträt, Habermann einen Frauenakt,
Corinth zwei Bilder („Harem" und „Schmiede des
Vulkan"). Ein weiblicher Akt von Orlik erregt
Aufsehen durch seine exquisite Malerei. Von Lud-
wig Dill, Richard Pießsch, Hans von Volk-
mann, Dreydorff u. a. sind gute Landschaften
da. Kühl, Slevogt, Mackensen, Dettmann,
Leo Puß seien namhaft gemacht unter der Fülle
von Künstlern, die besondere Beachtung fordern.

Von den Leipziger Malern, die zahlreich aus-
gestellt haben und bemerkenswerte Proben ihres
Könnens gaben, die Vergleiche nicht zu scheuen
brauchen, weist Horst-Schulze mit einem weib-
lichen Akt und besonders zwei römischen Land-
schaften von äußerster Feinheit der Naturformen
die besten Qualitäten auf. Die graphische Abtei-
lung ist fast ausschließlich von Leipziger Künst-
lern beschickt worden. Das schönste aller Blätter
ist Otto Greiners großer Stich „Natur", eine
mächtige Komposition: Gäa als nährende All-
mutter der Menschheit. Die Holzschnitte und Ra-
dierungen von Bossert verdienen besondere Be-
achtung. Mit kleinen Kollektionen sind u. a. ver-
treten Heinr. Dörffel, Bruno Heroux, Alois Kolb,
Hans Seitmann, Heia Peters. p. k.

VIERTE JAHRES-VERSAMMLUNG DES „DWB.

ZU DRESDEN VOM 9. BIS 11. JUNI 1911.

Es ist falsch, anzunehmen, daß die Jahres-
versammlungen des Deutschen Werkbundes
eine Bilanz über positive, rechnerisch erfaßbare
Arbeit geben müßten. Und es ist ein noch
größerer Irrtum, zu murren, wenn die Bericht-
erstattung der Bundesbeamten nicht so und so
viel absolute und materielle Erfolge demon-
strieren kann. Der Wert eines Zusammen-
schlusses von der Art des Werkbundes erschöpft
sich in der Tatsache solcher Gemeinsamkeit.
Das ist das Entscheidende, daß die maßgeben-
den Persönlichkeiten aus den verschiedensten
Spezialfächern der künstlerischen Produktion,
der Bauverwaltung, der Museen, der Schulen,
der Fachliteratur sich in einer geistigen Alliance
wissen, und daß solche Orientierung vielfältiger
Bestrebungen und Denkweisen auf ein gemein-

sames Ziel hin der Funktion jedes Einzelnen
einen höheren Wert verleiht. Wobei dann
allerdings als selbstverständliche Folge solches
Bündnisses der Ideale auf Umwegen das er-
reicht wird, was unpolitische Leute auf direktem
Wege versuchen, doch nie gewinnen würden:
die Durchsetzung des Volkskörpers, der Be-
hörden, der Zuschauer, der Produzenten und
der Konsumenten mit den Forderungen der
Qualitätsarbeit und der schönen Form, oder,
wie man es auch ausdrücken könnte: die Fabri-
kation, der Vertrieb und Absatz von Waren, die
eine Verwirklichung — eine höchst einträgliche,
und dann allerdings rechnerisch erfaßbare —
jener scheinbar unfruchtbaren Diskussion und
Bündlerei sind. Ob solcher Zusammenhänge
ist es also bereits positive Leistung, wenn die

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