Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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Dr. E. W. Bredt-München:

LUDWIG DASIO-
MÜNCHEN.

WEIBLICHE BÜSTE
IN MARMOR.

BILDHAUER LUDWIG DASIO—MÜNCHEN.

VON DR. E. W. BREDT—MÜNCHEN.

Schon immer haben Künstler so neuartig und
stark die Welt erschaut, die Dinge so eigen-
artig gebildet, daß sie Erstaunen weckten mit
einem Schlage. Gar manche originale Gestal-
ter solcher Art zwingen heute ernste Betrachter
zu vorläufiger Stellungnahme, die Menge zu
raschem Urteil. Und ein Urteil, das so schnell
herausgefordert wird, kennt meist nur die Ex-
treme blinder Bewunderung oder fanatischer
Anfeindung.

Daß „das Andere", das Auffallende, freilich
kein ausschließliches Kennzeichen des Genies
ist, wissen wir. Jede Kunstgeschichte erinnert
uns oft genug, wie schwer es noch immer für
die Zeitgenossen war, das Neue als notwendige
Frucht starker Intuition anzuerkennen oder als
die gestohlene Maske gemeiner Naturen abzu-

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lehnen. Wer möchte da nicht an das große
Pferd von Troja, das verdächtige Geschenk der
alten Danaer denken ? Nichts als die Unsicher-
heit der Stellungnahme, die Sorglosigkeit, mit
der die neue Überraschung bei Seite gestellt
wurde, war das Unglück der Beschenkten.

So wird auch heute durch die Fülle oft stark
auffallender Gaben falscher und wahrer Mo-
derner die Urteilsfähigkeit und Lust mehr ge-
schwächt und vernichtet als gefördert und an-
geregt. Man sucht die Kunstwelt so gern ab
nach Sensationellem, um zu bewundern oder
zu verdammen, statt Genuß zu suchen und Be-
reicherung überall, also auch im Unauffallenden.
Als ob der Sternenhimmel nur der Bewunde-
rung wert wäre, wenn Sternschnuppen und Me-
teore fallen oder seltsame große Kometen er-
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