Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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ver. werkstätten für kunst IM Handwerk. Kassade der Ausstellung Berlin, Bellevuestr. 5 a.

VEREINIGTE WERKSTÄTTEN FÜR KUNST IM HANDWERK.

VON PAUL WESTHEIM BERLIN.

Die Münchner Vereinigten Werkstätten haben
in Berlin eine eigene Verkaufsstätte ein-
gerichtet. In derBellevuestraße, inmitten jener
Straßenzüge, die sich immer mehr zu einem
Zentrum für die kaufenden Kunstliebhaber ent-
wickeln wollen, in die Räume eines stattlichen
Gebäudes, das der Geselligkeit der vorigen
Generation zu dienen bestimmt war, sind jetzt
alle die Dinge eingezogen, die wir mit dem Be-
griff: ModerneRaumkunst zusammenfassen.
Dieser Begriff der Raumkunst ist ja aufs engste
verschwistert mit dem Werden und Wachsen
der Werkstätten. Er hat sie von Anfang an
getragen, hat ihnen die eigene Stellung gesichert
und schließlich zu dem Umfang verholten, über
den sie heute im Kunsthandwerk verfügen.

Man wird, wenn man bei solcher Gelegenheit
einmal überdenkt, was die Vereinigten Werk-
stätten für Kunst im Handwerk denn eigentlich
innerhalb unseres Zeitganzen bedeuten, immer
anlangen bei einer Summe von Wünschen und
Sehnsüchten, die sich in den 90 er Jahren nach

den Laienpredigten der Morris und van de Velde
eingefressen hatten in die Herzen schaffens-
freudiger Geister. Was in jenen Tagen der
jugendfrischesten Begeisterung die feinsten
Köpfe träumen machte von einer neuen Art
des künstlerischen Schaffens, einer ganz neuen
Art des menschlichen Seins, was drei Lustren
zurück Maler, Architekten, Gewerbler, Schrift-
steller, kultivierte Laien oder umfassender aus-
gedrückt: eine Phalanx von künstlerisch im-
pressionablen Naturen zusammenführte, fand
wirtschaftlichen Halt und Wirkungsmöglichkeit
in den 1897 gegründeten Münchner Werk-
stätten. Aus den Ateliers der Künstler, die
dem Kunsthandwerk zustrebten, sind sie hervor-
gegangen und sie sind entsprungen dem Be-
gehren dieser Künstler, aus der Ateliersphäre
herauszukommen, ihren Geschmack und ihre
Phantasie dahin zu tragen, wo der Mensch am
meisten des künstlerischen Esprits bedarf: in
seine tägliche Umgebung, in das Heim. Eine
gepflegte und schablonenfreie Heimkunst — im

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