Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

Page: 123
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1911/0137
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
RUDOLF ALEX. SCHROEDER. Wandmalereien in den Ausstellungsräumen der Ver. Werkst, f. K. i. H. in Hamburg.

VON DER DISZIPLIN IN DER KUNST.

Nie ist das .Handwerkliche' von den Künst-
lern mehr verkannt worden, als in unse-
rer Zeit. Man verwechselt das ,Metier' mit
der Routine, die künstlerischen Rezepte mit
den Regeln der Kunst, die ewig sind.
Nichts ist der Kunst schädlicher, als das Ver-
gessen jener Art von Dogmen, die von den
großen Meistern aller Zeiten festgelegt wurden.
Die Ägypter, die Griechen, die Meister der
Renaissance, die des 18. Jahrhunderts haben
die Grundgesetze des Metiers gekannt.
Sie wußten, daß man keineswegs durch Be-
folgen der von diesem oder jenem Künstler
aufgestellten Normen das Kunstwerk hervor-
bringt. Die ewig gültigen Meisterwerke sind
die Krönung einer langen Erfahrung des Künst-
lers, während alle mehr oder minder hübschen
Werke, die mehr zur Industrie als zur Kunst
gehören, der Zeit nicht widerstehen. Was un-
serer Zeit zur Entfaltung des Genies mangelt,
ist die Geduld. Ein Künstler muß, wie in den
großen Epochen, damit beginnen, nicht ein
Schüler, sondern ein Lehrling zu sein.
Einst fegte er erst die Werkstatt. So lernte er
sehen und betrachten. Allmählich erwachte der
Sinn für das Schaffen in ihm. Er half bei klei-
nen Arbeiten. Er verstand es, demütig und ge-

duldig zu sein, und bildetete so seine Erfah-
rung, ohne es zu merken. Eines Tages fühlte
er sich fähig, sein Stück zu schaffen, seine Idee
in einem Werke wiederzugeben. Er war reif
für die Schöpfung, und er hieß Verrocchio,
Michel Angelo. . . . Heute erörtert man viel zu
viel. Man schafft viel zu schnell. Die
Mehrzahl der zeitgenössischen Werke läßt es
sehr an der Handfertigkeit fehlen. Alles ist
falsch an ihnen, wenn der Wille des Künstlers
nicht durch die direkte Beobachtung und
die persönliche Erfahrung gereift ist.
Unerläßlich wäre es, daß die neuen Genera-
tionen von Künstlern wiederum die Heiligkeit
des Metiers lernten, damit die Kunst wieder
das würde, was sie jederzeit gewesen ist, der
vollständige und tröstende Ausdruck des
menschlichen Ideals. Indem man sich der Na-
tur und den menschlichen Meisterwerken mit
Einfachheit und Geduld widmet, wird man aufs
neue die Schönheit des Metiers der Kunst be-
greifen, ohne sie mit der industriellen Routine
zu verwechseln, die den Künstler in eine Ma-
schine umwandelt." ^ AUGUSTE RODIN.

Bloße Nachahmung ist in den schönen Künsten immer
fruchtlos; auch was wir von anderen entlehnen, muß in
uns gleichsam wieder geboren werden. A. W.v. Schlegel.

123
loading ...