Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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DIE KÖNIGLICHE KERAMISCHE FACHSCHULE ZU HÖHR.

VON OTTO SCHUTZE ELBERFETD.

Auf der vorjährigen Ausstellung von Schüler-
l arbeiten der Kunstgewerbeschulen und
Fachschulen der ProvinzenRheinland, Westfalen
und Hessen-Nassau zu Düsseldorf fanden na-
mentlich die praktischen Arbeiten der Werk-
stätten dieser Schulen bei Fachleuten und Laien
ungeteilte Bewunderung und Anerkennung.

Vornehmlich waren es die Arbeiten der
Königlichen keramischen Fachschule zu Höhr,
die viel beachtet und besprochen wurden, und
innerhalb der Gesamtkritik schnitten sie mit
einem ehrenvollen Lob ab. Nicht nur nach
Form, Farbe und Ornament fielen sie auf, son-
dern vor allem auch nach der rein keramisch-
technischen Seite, die überall Neuerung und
Fortschritt in der Fabrikation zeigte. Das
waren Ergebnisse wirklicher Arbeitsprozesse;
da hatte der Former, der Maler und der Kera-
miker mit bedeutenden chemischen Kenntnissen
Hand in Hand gearbeitet. Das waren nicht auf
dem Papier erklügelte Werke, sondern unter
Mühen, Versuchen und Fehlschlägen im Labo-
ratorium und Brennofen zwischen Ton und
Glasur durch weitgehende Kompromisse ent-
standene Schöpfungen. Das seit langem ver-
nachlässigte edle Steinzeugprodukt der alten
und früher so berühmten Westerwälder Stein-
zeugindustrie trat hier mit neuen Offenbarungen
hervor, zeigte neue Wege, neue Arbeitsmetho-
den und neue Wirkungen, getragen von künst-
lerischer Einsicht und geschmacklicher Abklä-
rung. Das oft gebrauchte Wort der Material-
veredelung fand hier seine volle Auslegung.
Alles in allem waren das Ergebnisse und Zeug-
nisse einer fast dreißigjährigen Schullätigkeit
aus kleinsten Anfängen heraus. Bildhauer Di-
rektor Meister, der erste und seitherige Leiter
der Höhrer Schule, hat sich den spröden Boden
des Westerwälder Industriebezirks erst Fuß für
Fuß erobern müssen ; aber über alle Mißhellig-
keiten und Hemmungen ist er schließlich Herr
geworden, und wenn er auch in seinem Lehrer-
kollegi um im letzten Jahrzehnt eine besonders
ersprießliche Unterstützung fand, so bleibt ihm
doch das Verdienst, nicht nur der Höhrer Fach-
schule, sondern dem preußischen Fachschul-
wesen überhaupt eine wertvolle vorbereitende
Arbeit geleistet zu haben, auf deren Grundlage
eine Weiterentwicklung möglich scheint.

Man sieht es eigentlich den Schülerarbeiten
der Königlichen keramischen Fachschule zu

Höhr nicht an, daß sie einem Schulbetriebe
entstammen, der die wichtige Betriebsform der
Keramik, — daß etwa zwölf gleichartige Stücke
zugleich aus einem Brande als ziemlich ein-
wandfrei hervorgehen könnten —, bedauer-
licherweise ausschließt. In diesem Schulbetriebe
spielt also scheinbar das Experiment die grö-
ßere Rolle gegenüber der erweiterten und er-
probtenNutzanwendung in praktischer Betriebs-
form, wodurch die teilhabende Industrie einzig
und allein veranlaßt werden könnte, diese oder
jene Masse, Form oder Glasur in ihre eigenen
Fabrikationsgepflogenheiten mit einem gewissen
Vertrauen auf eine nutzbringende Ausbeutung
aufzunehmen. Es wäre doch sehr zu bedauern,
wenn solche Keramik nicht über einen Schul-
betrieb hinaus Segen zu stiften vermöchte, wenn
diese Formen und Farben, die scheinbar für
keramische Feinschmecker und Sammler ge-
schaffen sind, nicht in einer ganzen Reihe von
Wiederholungen oder verwandter Anwendung,
Nutzbarmachung der Effekte und Glasuren durch
die Industrie einem kunstliebenden Publikum
überhaupt allgemein zugänglich gemacht wer-
den könnten. Das wäre doch mit eine wesent-
liche Aufgabe einer solchen Fachschule: zu
einem befruchtenden, beratenden und helfenden
Organder jeweiligen Industrie selbst zu werden.
Die Ansätze dazu sind ja vorhanden.

In der günstigen Zusammensetzung des Lehr-
körpers darf auch für die Zukunft eine ersprieß-
liche Tätigkeit sowohl für die eigentlichen Auf-
gaben einer fachschulmäßigen Ausbildung eines
keramischen Nachwuchses wie auch für die
konkurrenzfähige Stärkung der Westerwälder
Steinzeugindustrie erhofft werden. Aber die
Schule kann in ihrer jetzigen Verfassung nicht
ohne nachdrückliche Unterstützung seitens der
Aufsichtsbehörde selbst aus ihrem etwas engen
Rahmen heraustreten. Der Industrie wird zu-
nächst am besten geholfen, wenn auch sie sich
vertrauensvoll an die Schule wendet und sich
das zu eigen macht, was außerhalb ihrer Grenz-
pfähle so hohe und berechtigte Anerkennung
fand. Schularbeit muß in Lebensarbeit umge-
wandelt werden können, und das wird um so
mehr und besser glücken, je mehr die Schule
selbst zu einem Ausschnitt des Lebens wird.
Das Schicksal der Höhrer keramischen Fach-
schule ist zugleich das Schicksal der Steinzeug-
industrie des Westerwaldes. — o. s.

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