Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

JULI 1911.

DRESDEN. Hygiene-Ausstellung. Es
gehört bereits zu der Tradition der Dresdner,
dag sie gute Ausstellungen machen. Wenn Darm-
stadt 1901 die erste Lösung des modernen Aus-
stellungsprinzipes wagte, so war es Dresden, das
1906 in Ruhe und Sicherheit dem neuen Prinzip
zur Reife verhalf. Ohne Dresden wäre letzten
Sinnes unser Brüsseler Erfolg kaum denkbar.
Demgemäß: wir erwarten, dag eine groge Dres-
dener Ausstellung nach einem besonderen Grade
den beiden Elementen, die eigentlich eines sind,
zum Ausdruck hilft: der Organisation und dem
Architektonischen. Man darf sagen, dag die dies-
jährige Hygiene-Ausstellung solches Erwarten nicht
täuscht. In ihrer Ganzheit und bei der Fülle der
einem eigenen Gedanken untergeordneten Erschei-
nungen mug man mit aufrichtigem Respekt einen
Sieg der modernen Organisation anerkennen. Und
man wird, wenn nun die Träger solchen Sieges
gesucht werden, keinen Augenblick daran zweifeln,
dag der architektonische Geist, der sich allent-
halbenoffenbart, zum mindesten als Imponderabil die
Entscheidung brachte. Was Lossow und Kühne
hier geleistet haben, ist offenkundig eine Bändigung
des Stoffes durch die Form. Gleich beim Eintritt,
wenn man ein wenig geängstet in der Erwartung
des Unübersehbaren, die einem der voluminöse
Katalog wachruft, durch die Torgebäude, durch
das klassische Medium einer Säulenhalle, den
machtvollen, von den Hauptgebäuden umspannten
Plag betritt, fühlt man: dag hier die Ruhe über
die Wirrnis regiert und eine schöne Vernunft zur
vernünftigen Schönheit wurde. Es war sehr klug,
diesen ersten Eindruck so entscheidend zu gestalten,
ihn zu einem so zwingenden zu machen. Wer nicht
blind ist, mug das starke Pathos dieses zum Raum
werdenden Planes empfinden; die rhythmische Um-
grenzung, die logisch sich abwickelt und in den
natürlichen Schwerpunkten der Planung zu monu-
mentalen Baumassen sich sammelt, lägt einen mit
guter Zuversicht vorwärts schreiten, hinein in die
Labyrinthe der tausend Spezialweisheiten. Die
Architektur ist es, die der Ausstellungsfurcht den
Garaus macht; mehr kann von der stummen Sprache
der Form nicht verlangt werden. Überall spürt
man das Selbstbewugtsein eines Architekten, der
aus seiner Aufgabe so viel als möglich herausholt,
freilich nicht billige Scherze, vielmehr: ein Äugerstes
an klarem Ausdruck und an Reinheit der räum-
lichen Vorstellung. In solchen Tugenden erweist
sich Max Kühne als ein echter Schüler Wallots. -
Von den übrigen Architekturen, die insgesamt so

aufgestellt wurden, dag die Orientierung leicht und
der städtebauliche Eindruck behaglich ist, verdient
die groge Halle von Big au Beachtung. An ihr
versuchte sich ein bis zum Eigensinn eigenwilliges
Talent; wir sehen eine pikante Mischung aus Peter
Behrens und Olbrich, aus Wien und Zentralasien.
Diese phantastische Sache hat ihre Reize, zumal
was die Farbe betrifft; indessen, eigentlich geht
es doch nicht, dag Säulenstümpfe von der Decke
herabhängen und auch sonst tragende Glieder zu
getragenen werden. In der Strage der Nationen
zeigt der österreichische Pavillon eine wesentlich
gesündere Verwendung der von Bigau überhigten
Dekorationsprinzipien. Dies österreichische Ge-
viert aus gereihten Flächen, dieser rhythmisierte
Kubus, zeigt, wie auch das elegante Spiel, die
Verneinung der Materie, zu einer architektonischen
Konvention fest werden kann. Als Gegensag de-
monstriert Frankreich, dag auch die bestgepflegte
Konvention zum leeren Schema eintrocknen kann.
An dem französischen Palais ist nichts falsch, noch
roh, nichts willkürlich, noch abenteuerlich, aber
alles langweilig. — r. b.

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DRESDEN. Eine Architektenschule. Die
seltene Gelegenheit, einmal eine unserer Ar-
chitektenschulen im ganzen Umkreis ihrer Wirk-
samkeit überprüfen zu können, war anfangs Juli in
Dresden geboten, wo die Schüler Wallots sich
zusammengetan hatten, um zu Ehren ihres Meisters
zu dokumentieren, welche Fähigkeiten sie der
Dresdner Akademie verdanken. Die Meinung, dag
vielleicht das wertvollste, was Wallot unserer Zeit
gegeben hat, in dieser Lehrtätigkeit stecke, erhält
eine überraschende Bekräftigung. Die 50 Menschen,
die mit mehr als 300 Bauprojekten die 6 Säle der
Galerie Arnold füllen, sind durchweg Architekten
und, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Archi-
tekten von beachtlichem Niveau. Waren ihnen
auch nicht die monumentalen Aufgaben gestellt,
an denen man die Abkömmlinge des Reichstags-
Baumeisters messen möchte, und bleibt es immer-
hin ein Wagnis, Architektur nach unausgeführten
Projekten zu beurteilen, so spürt man doch in
dieser Unmenge Ausstellungsbauten, Kirchen,
Amtshäuser, Brücken, Schlösser und Landhäuser,
die sie fertigstellen konnten, einen wirklich
architektonischen Geist, der sich mit
einfachen und natürlichen Mitteln jeder Aufgabe
gegenüber durchzusegen weig. Diese Befähi-
gung, einen Bau klar zu disponieren, ist das, was
sie als eigentliches Erbe von Wallot empfangen

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