Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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PROFESSOR OTTO PRUTSCHER WIEN.

Salon. Wandpartie und Schmuckschränkchen.

OTTO PRUTSCHERS WEISSER SALON.

VON ARTHUR ROESSLER.

Die Modernen haben in ihrem begründeten
und berechtigten Abscheu gegen alles
Talmihafte im Kunstgewerbe, zugleich mit den
nachgeahmten Altstilen auch den Salon oder
die sogenannte „gute Stube" dem Publikum
wegzusuggerieren versucht, sind jedoch in ihrem
frischen Draufgängertum zu weit gegangen, in-
dem sie ein an sich gutes Ding verwarfen, wohl
nur deshalb, weil es meist nur in verdorbener
und verfälschter Form zu finden war. Ein Jahr-
zehnt hindurch hatte der auf die Schlagworte
Material- und Zweck - Ästhetik hörende, nur
den radikalsten Kunstkommandos folgende,
moderne Innen-Architekt für den „Salon" der
Vornehmen und die „gute Stube" der Bürger
nur Verachtung empfunden und betätigt, er
nähert sich beiden aber nun mit völlig anderer
Gesinnung auf Umwegen. Der verfeinerte Sinn
für das Echte, das gesetzmäßig schöpferisch
Entstandene in der Gewerbekunst, gereicht
nämlich nicht nur dem guten Neuen, sondern

auch dem guten Alten zum Vorteil, insofern
man geläutertes Verständnis bekam für das, was
daran Qualitäten hat. Manches Geächtete wurde
neuerdings ehrlich gesprochen, darunter auch
der Salon. Der echte Salon aller Zeiten ist, wie
man jetzt schon gerne zugibt, etwas schöpferisch
Entstandenes, ebenso von Zwecken bedingt wie
beispielsweise das Schlafzimmer, wenn auch von
anderen Zwecken; ja, die höhere Form der
Wohnungskultur mit ihren unzertrennlichen Be-
ziehungen zur Geselligkeit kann den Salon (man
darf darunter allerdings nicht mehr das „Salon"
genannte, wüste Durcheinander von mehr oder
minder geschmacklosen und „echten" Über-
bleibseln der unterschiedlichsten Möbelstile
verstehen) eigentlich gar nicht entbehren. Mag
der Gastgeber seine Freunde nach dem Speisen
aus dem Eßzimmer auch in sein Arbeits- oder
Rauchzimmer führen, die Frau des Hauses wird
stets ihre Gäste am liebsten im Salon um sich
versammelt sehen, um mit ihnen an diesem Orte

1911. XII. 5.

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