Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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Robert Breuer—Berlin:

VON DER ENERGIE DER GRIECHISCHEN KUNST.

VON ROBERT BREUER.

Wenn wir allein von der griechischen Kunst,
von keiner andern etwas wüßten, hätten
wir die Fülle und Überfluß. Fünfhundert Jahre
vor der Geburt des Christentums lachte der
blaue südliche Himmel über einem Mikrokos-
mos von Schönheit und Lebensfreude. Nie
wieder trug, in so enge Grenzen gezwängt, die
Erde einen schier unübersehbaren Reichtum an
edlen Formen und jauchzenden Harmonien, nie
wieder gehörte die Kunst in allen ihren Werken
wirklich so dem Volke als der einzig mögliche
Ausdruck seines religiösen Empfindens und
seines politischen Stolzes. Nicht wie bei der
Renaissance handelt es sich um eine Kunst der
Paläste, um Darstellungen, die schon den Ob-
jekten nach zu verstehen, man einer höheren
Bildung bedurfte, nicht um Luxus; die öffent-
lichen Gebäude, die Tempel, die Straßen und
Plätze sind der Ort dieser allen verständlichen
Kunst, die die Vorgänge des öffentlichen Lebens
begleitet, die das Leben selbst ist. Nicht mehr
wie in Ägypten verlangt man von den Künst-
lern, daß sie erzählen, dichten, philosophieren
— sie können bilden. Sie können ohne Aus-
nahme ihre ganze geistige Kraft auf die Form-
gebung und die technische Ausführung ver-
wenden ; alles, was sie schaffen, dient einem
schmückenden Zweck, ist für einen Zusammen-
hang bestimmt, auf Wirkung und Nebenwir-
kungen berechnet. Günstigere Bedingungen für
das Ausreifen des Reinkünstlerischen gab es
nie wieder. In der griechischen Kunst der Blüte-
zeit überwiegt das Künstlerische alle andern
materiellen Bestandteile, im höchsten Sinne ist
die griechische Kunstgeschichte Künstlerge-
schichte. An jedem Werk dieses glücklichsten
aller Zeitalter läßt sich nachweisen, wie der
Mensch die Natur gemeistert, wie er sie aus-
schöpfte und edler wiedergab. Wie ihm die
Unterdrückung des Nebensächlichen gelang, die
Hochwertung des Bedeutsamen, die konstruk-
tive Klarheit, das Abwägen der Verhältnisse,
die Mäßigung aus Kraft.

Trotz alledem sollten wir sehr vergnügt da-
rüber sein, daß das Joch der Antike von uns
genommen. Der Bann ist gebrochen: nur Igno-
ranten werden heute noch behaupten, im
klassischen Griechentum sei der Gipfel der
Kunst erklommen, es gäbe kein Darüber, unsere
heiligste Pflicht heische eine möglichst präzise
Nachahmung der hellenischen Formensprache.
Diesen nach Foliantenstaub riechenden Unsinn,

diese schwächliche Selbstentäußerung hat die
Technik der Maschine, die Eisenkonstruktion,
die Ästhetik der Großstadt wohl auf immer ver-
jagt. Die Gelehrsamkeit aber wandelt entrüstet
und sucht zu erweisen, daß wir nicht lästern
dürften, weil wir von Kindesbeinen an die
klassische Bildung wie durch tausend feine
Röhrchen eingesogen. Das ist leider richtig,
nur wars nicht Muttermilch, sondern ein Surro-
gat, das es wieder zu entfernen gilt. Wie kann
griechische Kunst uns ein ewiges Ideal sein,
wenn nun einmal in deutschen Landen der Öl-
baum nicht gedeiht, noch Zeus seine Locken
schüttelt. Nicht das Werk der Griechen sollte
uns vor Augen stehen, wohl aber die Kraft, die
dieses Werk schuf. Was uns dem kleinen Insel-
volk dauernd tributpflichtig macht, ist das un-
geheuere Quantum an künstlerischer Energie,
das zu erreichen alle späteren Jahrhunderte sich
vergeblich mühten. Wir sollen nicht nachäffen,
sondern nacheifern, nicht die Flugbahn ist uns
vorgezeichnet, wohl aber die Wucht des Flügel-
schlages.

Es wäre natürlich falsch, Volk und Künstler
Griechenlands in allen Fällen zu identifizieren.
Propheten und Meister einer neuen Art muß-
ten auch in attischen Landen gegen konserva-
tiven Widerstand ankämpfen; auch im peri-
kleischenZeitalterbewies die Masse ein größeres
Interesse für den Inhalt und das Material, als
für Form und technische Leistung. Daß die
ängstlichen Gemüter der Stadt Kos die Auf-
stellung der nackten Aphrodite des Praxiteles
verweigerten, verdient gewiß der Beachtung.
Am merkwürdigsten aber muß es uns berühren,
wenn wir, die Kinder einer kunstgeschwätzigen
Zeit, der es an begeisterten Ästhetikern nicht
fehlt, hören, wie wenig sich die Weisen Griechen-
lands um die Künstler kümmerten, ja mit welcher
Verachtung sie von dem Bildhauer sprachen.
Für Plato ist das Kunstwerk nur eine Nach-
ahmung der Idee. Es gibt nur eine Idee, aber
unzählig viele Nachahmungen, deren einzelner
Wert gering ist. „Der Nachbildner versteht
nichts der Rede Wertes von dem, was er nach-
bildet, sondern die Nachbilder sind eben nur
ein Spiel und kein Ernst. Der Maler, sagen
wir, kann uns Zaum und Gebiß malen, machen
aber wird sie der Riemer und der Kupferschmied.
Wie nun Zügel und Stange beschaffen sein müs-
sen, versteht das ein Zeichner? nicht einmal der
Kupferschmied und der Riemer, sondern nur

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