Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

Page: 129
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1911/0143
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
SCHÖNHEIT IM KUNSTGEWERBE.

Diese Zeilen wollen nichts sein als ganz per-
sönliche Notizen und Wünsche eines Kunst-
freundes , der bestrebt ist dem modernen
Kunstgewerbe immer noch mehr Eingang zu ver-
schaffen in die vornehmsten und elegantesten
Häuser Deutschlands. Gibt es doch noch gar
viel zu tun; bevorzugen doch höchste Kreise
noch immer alten bric ä brac, alte Möbel, alte
Rahmen, alte Silberwaren, alte Formen über-
haupt, vor modernem Kunstgewerbe, moder-
nen Formen. Und das Urteil der Franzosen
über die in Paris 1910 ausgestellten Räume
und Möbel moderner deutscher Künstler dürfte
ein nicht zu unterschätzendes Echo diesseits
des Rheines in jenen Kreisen gefunden haben,
die uns Modernen noch ablehnend oder kühl
gegenüber stehen.

Man hat uns zwar in Paris bestätigt, daß wir
richtige Wege eingeschlagen, daß wir sie ener-
gisch verfolgt haben. Aber in der Verfolgung
dieses Weges erschienen wir den Nachbarn zu

einseitig. Und noch etwas hat sie befremdet,
hat ihnen mißfallen.

Sie finden ganz besonders unsere modernen
Damenzimmer und Damenmöbel zu ernst in
den Formen, zu finster in der Farbe, zu einheit-
lich in Ton und Stimmung. Sie sagen: das
scheinen Zimmer zu sein für Frauen, die der
Liebe und dem Leben entsagt haben.

Nichts scheint mir von all den französischen
Urteilen so treffend zu sein wie dieses letzte
Wort. Mir scheint tatsächlich, daß wir in der
modernen kunstgewerblichen Bewegung nichts
vergessen haben als eben dieses ewig-weibliche
Element, des Weibes Neigung zur leichteren
Lebensauffassung, zur liebenswürdigen Form,
zum heiteren Spiel. — Gewiß, wo so viel
ernstes geleistet wurde, ist ein solches Vergessen
verständlich — verständlich zumal ja die Frau
im ernsten Kampf um Anerkennung draußen
im Leben uns ernster erscheint, denn früher.
Man hat ja auch schon vor gut zehn Jahren

129
loading ...