Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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JOHANN
VI K RT HALER-
HÄNCHEN.

KLEINBRONZE.
»SIEGERIN
AUF STIER«

JOHANN VIERTHALER-MÜNCHEN.

Als die Natur Holz, Sandstein, Marmor schuf,
/V sorgte sie auch für Talente, die für jeden
Stoff besondere Vorliebe und Begabung zei-
gen. Die Arbeiten Johann Vierthalers sprechen
so deutlich und vollendet die Sprache der
Bronze, daß man sie sich kaum in anderem
Material denken kann. Die Kleinbronze hat
ihren besonderen Stil und in diesem bereits
eine so hohe Kultur, daß die Meisterwerke der
verschiedenen Zeiten kaum überboten werden
können. Nur eine reife Persönlichkeit, über-
legene liebenswürdige Auffassung, gefällige
Form, meisterliche Technik, dürfen es wagen,
nach klassisch anmutenden Werken zu streben.
Bei der Kleinbronze liegt die Verflachung und
Spielerei nahe; sind doch von zahllosen Ar-
beiten dieses Gebietes fast die meisten Kunst-
handwerk. Während Bronzekunst, als Bild-
hauerkunst aufgefaßt, gerade die strengsten Auf-
gaben hat: die Größe, Innerlichkeit und Be-
wegtheit der großen plastischen Arbeit in die
gedrungene Kleinform zu pressen. Glücklicher-
weise besitzt das Material reiche Ausdrucks-

möglichkeiten, solche Dehnbarkeit, Flächigkeit
und solche Wärme und Weichheit zugleich, daß
für den, der es meistert, viel zu erreichen ist.
Schwerer aber als bei der großen Plastik scheint
mir hier das Gesetz zu walten: in der Beschrän-
kung zeigt sich der Meister. Man betrachte die
geschlossene Figur des kleinen Mädchens, die
mir in ihrer Einfachheit ein Musterbeispiel zu
sein scheint. Der Künstler leistet hier auf alles
Verzicht, was z. B. Marmor oder Sandstein in
reichem Detail bieten könnte; er bringt den
Ausdruck der leiblichen Gestalt wie des Seel-
ischen, das er darbieten will, auf die letzte
Form, gleichsam ganz auf die Bronzeform, die
mir oft schon wie die Lösungsformel der Pla-
stik schlankweg erschienen ist.

Besonders reizvoll bei diesen Arbeiten ist
die Bewegtheit, die mit feinem Takt festgehalten
ist, gleich dem erstarrten Rhythmus eines lyri-
schen oder epischen Vorgangs. Selbst in der
festgehaltenen Sprunghaltung liegt nichts Wider-
natürliches; sie wirkt wie ein Auftakt. Und —
spüre ich zu viel? — alle diese bewegten Ge-

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