Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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Dr. Fried Lübbecke:

II. PREIS.
LÜTTE PUKALL-
BERL1N.

KÜNSTLERISCHE ZIGARREN-PACKUNGEN.

WETTBEWERB DER FIRMA HEINR. & AUG. BRÜNING HANAU.

Wer hätte sich noch nicht über die süß-
lichen Bilder unserer Zigarrenpackungen
geärgert, deren künstlerischer Wert fast nie im
Verhältnis zu dem Aufwand ihrer Herstellung
steht. Zweifellos ist die farbenlithographische
Technik durch die bisherige Herstellung der
Zigarrenbilder, Binden und Klebezettel sehr
gefördert worden, doch scheiterte bislang jeder
Versuch, die Darstellung zu veredeln, an dem
Vorurteil der Zigarrenkäufer und noch mehr
der Verkäufer. Der Wahn, ein Kraut jeglicher
Herkunft — von Kuba bis zur Uckermark —
könne durch eine möglichst marktschreierische,
spanisch sich gebärdende Packung nur gewin-
nen, schien unerschütterlich zu sein. Allgemach
wurde man doch ehrlicher; selbst bei genüg-
samen Gemütern verlor die Bauchbinde an
Glorie, trotz Kronen und spanischem Kauder-
welsch; manchen frommen Glauben tötete vol-
lends die staatliche Statistik: denn wenn für
86 Prozent aller Zigarren noch nicht 7 Pfennig
angelegt werden, so bleibt für die peinliche
Mehrzahl der Raucher die Aussicht auf eine
echte Importe ziemlich bescheiden. Warum
also keine anständige Packung, die auch äußer-
lich ohne viel Spreizen anzeigt, daß die Zigarre
in Deutschland gewickelt, wohl gar im lieben
Vaterlande gewachsen ist? Der Luxus eines
künstlerischen Entwurfes für die tausendfach
wiederholte Packung war schließlich auch er-
schwinglich. Eigentlich für einen Kaufmann,

der mit den künstlerischen Wünschen seiner
Kundschaft vertraut ist, ein selbstverständlicher
Schritt. Dennoch sollte er gewagt sein gegen
den anfangs immer automatisch funktionieren-
den Widerstand der Ewig-Gestrigen. Die Firma
Heinrich & August Brüning in Hanau,
technisch eine unserer höchststehenden litho-
graphischen Anstalten, hat ihn getan und sich
damit den aufrichtigen Dank aller Kunstfreunde
verdient. Auf ihr internationales Wettbewerb-
ausschreiben mit seinen vornehm bewilligten
Preisen liefen ca. 1400 Entwürfe ein, von denen
hier eine Reihe bester Lösungen — darunter
die des I. Preises von Fritz Steinert-Berlin
in farbiger Wiedergabe — zum ersten Male ver-
öffentlicht werden. Das Preisgericht, bestehend
aus den Herren Prof. Bruno Paul-Berlin, Prof.
D öpler-Berlin, Prof. Mohrbutter-Berlin,
Dr. Peter Jessen-Berlin, Prof. Leven-Hanau,
Regierungsrat Sommerguth i. Fa. Löser &
Wolff-Berlin, Kommerzienrat Heinr. Brüning-
Hanau, sah sich einer solchen überwältigenden
Fülle von prächtigen und z. T. ganz neuartigen
Lösungen gegenüber, daß der Vorschlag der
Firma, noch 20 Preise mehr zu stiften, höchst
willkommen kam. Im ganzen werden der deut-
schen Künstlerschaft — in diesem Wettbewerb
zumeist von der Jugend vertreten — an Preisen
und Ankäufen über 20 000 M. zugeflossen sein,
während das künstlerisch völlig versagende
Ausland leer ausging. Durch den Spruch des

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