Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 28.1911

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

MÄRZ 1911.

BERLINISCHE MENÜKARTEN. Die Stadt Berlin
wollte gern einige nette Menükarten ihr eigen
nennen. Ein vernünftiger Gedanke. Man veranstal-
tete ein Preisausschreiben; gut. Man dosierte aber
die Belobigungen recht mäßig; und, was wichtiger
ist: man wählte die Preisrichter nach unzureichen-
den Gesichtspunkten. Dieser berlinische Wettbewerb
wurde zu einem Exempel für das Ausschlaggebende,
das Vorbestimmende der benannten Jury. Gewiß,
wir alle wissen, welche Werte wir in dem Stadt-
baurat Hoffmann besißen, aber niemand glaubt,
daß er sich die Muße nehmen würde, eindringlich
Menükarten zu prüfen. Und genau so steht es mit
Arthur Kampf und mit Max Liebermann. Zu schwei-
gen von den diversen Bauräten und den stadträt-
lichen Laien, die dem Preisgericht angehörten.
Die Folge war, daß die eigentlichen Fachleute, die
erprobten Typographen, Illustratoren und Kalligra-
phen sich nicht beteiligten. Es kamen fast nur
harmlose Handwerker, Lithographen der ältesten
Manier und daneben bienenkörbelnde Dilettanten.
Es war einfach unbegreiflich; es war geradezu
beschämend: welchen Ruf muß die Kunstkommis-
sion der Stadt Berlin in Künstlerkreisen haben!
Man stelle sich nur vor, daß der Buchgewerbe-
Verein oder eine unserer großen Kunstzeitschriften
solchen Wettbewerb veranstaltet hätte. Das Beste,
was Deutschland auf diesem Gebiete zu leisten
vermag, wäre zusammengeströmt. Ja, der gute
Ruf war noch immer ein schicksalschweres Impon-
derabil. So ist denn das berlinische Verlangen
nach guten Menükarten gar kläglich ausgegangen;
um so kläglicher, als das Richterkollegium höchst
unzulänglich die harmlosesten, die gleichgültigsten
und die am meisten konventionellen der sich be-
werbenden Mittelmäßigkeiten wählte. br.
Ä

BERLIN. Waldemar Rösler zeigte im Feb-
ruar bei Cassirer gegen 20 Bilder seiner
jüngsten Produktion, Landschaften und Porträts. Es
gibt nichts, was das Handwerk eines jungen Malers
mehr zu fördern geeignet ist, als das Arbeiten vor
der Natur und das Porträt. — Darüber hinaus aber
scheint das eben zu Ende gegangene Jahr seelische
Kräfte in dem Künstler freigemacht zu haben, die
seine Kunstübung mit einem Schlage zu männlicher
Reife führten. Rösler lenkt so mit großer Sicher-
heit in Tendenzen der Zeit ein, die als eine Über-
windung des Impressionismus durch dessen eigne
malerische Mittel, jedoch in ganz und gar verinner-
lichtem Kunstwollen sich immer deutlicher offen-
baren. Wie auf anderem Wege Max Beckmann, so
eilt Waldemar Rösler mit weiten Schritten dem üb-

rigen Nachwuchs der Berliner Secessionistenschule
voraus, und heute schon ist es erlaubt, die beiden
Künstler als die Wortführer einer jungen und auf-
strebenden Generation zu nennen, die ihre Kräfte
zu spüren und einen Plarj für sich zu beanspruchen
beginnt. - Rösler drängte es, über die Bildstim-
mungen seiner früheren Jahre, die dem gereiften
Empfinden als zu leicht befrachtet erscheinen
mußten, hinauszukommen. Es galt, eine Seele zu ver-
malen, und er begann, die Bilder reich und schwer
durchzuarbeiten. Bewundernswert ist, wie viel
formales Detail bei ganz einfachem stofflichen Vor-
wurf etwa der „Bahndamm" oder die „Landschaft
mit Straße" enthält, mit welcher Fülle und Kraft
der farbigen Phantasie der Künstler das Fleckchen
Erde und die paar Bäume hinter seinem Hause in
Lichterfelde zu den geheimnisvollsten lyrischen
Stimmungen erhebt! Es ist eine herbe und männ-
liche Kunst, die Rösler übt, und sie ist norddeutsch
durch und durch. Bender.
A

DEKORATIVE STICKEREI. Farbe und Orna-
ment gewinnen wieder Freunde. Das war
zu erwarten und ist zu begrüßen. Wenn auch mit
einiger Vorsicht darauf zu achten sein wird, daß
das neue Ornament nicht abermals, gleich seinem
mit Recht totgeschlagenen Vorgänger, zum Selbst-
zweck wird, vielmehr eine Funktion im Organismus
des geschmückten Körpers bleibt; daß ferner die
Farbe stets der Harmonie des Gegenstandes und
der Lebensart des Raumes dient. Wie solche For-
derungen verstanden sein wollen, das konnte man
an den dekorativen Stickereien von Bremer und
Dornbrach in Berlin trefflich erkennen. Die Archi-
tekten haben schon seit langem nach individuell
bildbaren und farbig leistungsfähigen Fenstervor-
hängen, Wandbekleidungen und was es dergleichen
mehr an textilen Elementen gibt, Umschau gehalten.
So werden sie zugreifen, wenn ihnen jeßt dekorativ
sehr wirksame, speziellen Wünschen leicht gehor-
chende und den Farben zum kräftigen Ausdruck
helfende Stücke zur Verfügung gestellt werden.
Und dies um so mehr, als durch ein energisches
Verwenden der Maschine (und nicht nur der Kurbel)
dieser dekorativen Stickerei alle Möglichkeiten einer
großzügigen, architektonisch orientierten Wirkung
erschlossen wurden. Was die Farbe betrifft, so
zeigte man uns neben den schon bekannten In-
krustationen farbiger Seiden in Seide (Effekt des
Glasmosaikes), getunkte, in der Wirkung dem Batik
verwandte Stoffe und eine lustige Verwendung
von transparent wirkender Wollstickerei auf Tüll
oder Mousseline. R- BR-

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