Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 15.1904

Page: 191
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1904/0196
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNENDEKORATION

XV. 3HHRGHI1G. Darmffadt 1904. HUSUST-HEFT.

Neuere Bauten von Prof. Emanuel Seidl—München.

3. Ein Münchener Wohnhaus.

Wir bieten in diesem Hefte eine weitere
Schöpfung von Professor Emanuel Seidl—
München und zwar ein Münchener Privat-
haus, das lediglich Wohnzwecken dient. Wieder
lernen wir den Meister von einer neuen Seite kennen,
und zwar, wenn das Wort dafür innerhalb unserer
ernsten Aufgabe gestattet ist, von seiner liebens-
würdigsten. Das ist zwar ein Grundklang in der
Wesenseigentümlichkeit Münchener Kunst, weil im
Volkskarakter wurzelnd, der aber nicht immer ganz
rein, und daher auch nicht einwandfrei, zum Vor-
trag gebracht worden ist. Er ist doch leider gar
zu oft profaniert worden, und das nicht nur von
norddeutschen Nachahmern, sondern, was viel be-
dauernswerter ist — von Münchener Künstlern.
Man mag das letztere Wort in dieser Anwendung
beanstanden, geändert wird damit nichts, denn so
mancher des Faches hat aus rein geschäftlichen
Gründen dem Drucke gehorcht und sich unter den
Deckmantel Münchener Kunst geflüchtet, ohne den
blassesten Schimmer dafür, worauf es denn bei ihr
eigentlich ankommt.

Wie souverän überragt hier der Geist Seidl'scher
Kunst, auch in deren profanen Bauten, so manches
was an den Strassen und Plätzen an »Kunst auf
münchnerische Art« zu schauen ist. Gerade dieses

Privat-,dieses »Eigenhaus« (nach neuerer Auslegung),
trägt so ganz den Stempel an sich, dass man gute
Traditionen pflegen kann, und dass ihre Wahrzeichen
kühn in unsere Zeit hineinragen dürfen, wenn sie
sich nicht in direkten Widerspruch zu den Forde-
rungen dieser setzen, so namentlich nicht zu dem
Verkehrs- und rein öffentlichen Leben. Damit ist
aber keineswegs angedeutet, dass solche Forderungen
jedes Malerische, jedes Künstlerische im Werke
ertöten sollen bis zu jener Nüchternheit, die das
Ausdrucks- und Freudlose karakterisiert. Wehe —
wenn die heutigen Strassenbilder dem letztern ver-
fallen würden.

Sehen wir uns daraufhin den herrlichen Giebel
auf der schlichten, ja strengen Fassade des hier
abgebildeten Münchener Privathauses an. Wie lustig
klingt in ihm die Freude des Baukünstlers aus an
dem Gelingen seines Werkes, dem er doch zu aller-
erst alle die Daseinsbedingungen schaffen musste, die
das Haus als Heimstätte verlangte. Daher der frisch
wirkende Schmuck am Giebel als Triumph über
das Materielle, das Erdschwere. Das mag zum Teil
an Altdorfer oder an Dürers Triumphzug erinnern,
bleibt aber in dieser freien und köstlichen Anwendung
nicht minder künstlerisch, da ein solcher Schmuck
in derart eingegliederter Lösung nicht den Endzweck

1904. VIII. 1.
loading ...