Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 15.1904

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INNENDEKORATION

XV. SflHRSflllG, Dcirmtfcidt 1904. lüHl-HeST.

neue Räume der Werkffä'ffen für Wohnung=£inrichfung Karl BerfFch—ITlünchen.

Wenn man einmal die Geschichte des neuen
Kunst-Gewerbes in Deutschland schreibt,
wird nicht das uninteressanteste Kapitel
die Darstellung des Kampfes zwischen den üppigen
Ornament-Künstlern und den Aposteln der Nüchtern-
heit sein. Man wird sagen müssen, dass beide
Richtungen einander beeinflusst haben, so feindlich
sie sich gebärdet haben. Denn beiden Bestrebungen
wohnte etwas richtiges inne. Die Freunde der Ein-
fachheit um jeden Preis, die selbst für Festräume
vor allem Zurückhaltung und unfreudige Strenge
forderten, wollten praeceptores Germaniae sein und
haben schliesslich doch zu ihrem Wasser etwas feu-
rigen Wein hinzu giessen müssen. Die Andern lachten
nicht mit Unrecht, wenn man da glaubte, der Welt
auf die Dauer weiss machen zu können, der Luxus
bestünde in der mehr oder minder geschmackvollen
Ärmlichkeit. Man konnte ja in Ruhe die Weiter-
Entwickelung abwarten. Denn niemals hat auf der
Höhe aristokratischer, nordischer Kulturen wie etwa
der Hochgotik oder des Rokoko die dogmatische
Beschränkung auf das rein Logische als erstrebens-
wert gegolten. Nur die Protzenkultur des jugendlich
selbstbewussten Kapitalismus in Deutschland und das
Verlangen seiner wenig fein gebildeten Vertreter nach
prunkvoller Wirkung hat als Gegenschlag das Feld-
geschrei erzeugt: Geschmack ist Nüchternheit. Als

ob der Luxus den Zierrat je entbehren könnte, als
ob jedes Ornament entarteter Jugendstil sein müsste.
Die Wahrheit ist, dass die Zahl derer, welche im
Stande waren mit Konzentration aller Seelenkräfte
ein Ornament von dauernder Wirkung zu erfinden,
äusserst gering ist, und dass es auch wieder ver-
hältnismässig leicht war, in Folge des Zustroms
neuer Formen aus der Welt des Mikroskops und
des naturalistischen Pflanzen-Studiums eine gewisse,
neuartige, billige Ornamentik zu leisten. Hat doch
unsere schulsüchtige und lehrstolze Zeit sogar Metho-
den erfunden, wie man durch ein sorgliches System
von Beobachtungen natürlich unproduktive Köpfe in
kürzester Zeit zu originellen Neuschöpfern zu ver-
wandeln vermag. Aber es ist unbestreitbar, dass
der Streit zwischen rein konstruktiver Kunst und
der unversiegbaren Neigung zum Zierrat sich all-
mählich ausgleicht und beide Kämpfer das Gute
von einander wenigstens zu prüfen geneigt sind.

Anlass zu diesen Bemerkungen gibt eine gegen-
seitig in München eröffnete Ausstellung der »Mün-
chener Werkstätten für Wohnung-Einrichtung*.

Der Name erscheint zum erstenmal in diesen
Blättern. Die Münchener Werkstätten für Woh-
nung-Einrichtung bestehen erst ganz kurze Zeit
und verdanken ihren Ursprung der Initiative und
frischen Energie eines künstlerisch, modern und

1004. v. 1.
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