Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 15.1904

Page: 298
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1904/0303
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
298

INNEN-DEKOR ATI OK

HAMBURG 1780.

IN SHERATONS ART 1780.

HAMBURG 1780.

Eine Stuhlschau im Lichthof des Berliner Kunstgewerbe-Museums.

Von Dr. phil. Alfred Lehmann.

Zu Hunderten sind sie zur Stelle, die hölzernen und
gepolsterten Stühle, auf denen die Menschen der
Erde gesessen haben oder auf denen sie noch
sitzen am heutigen Tage. Zu langen Reihen
hat man sie an den Wänden geordnet und zu Gruppen
über den ganzen Raum verteilt. ATon eines jeglichen
Art und Abkunft berichtet ein gedrucktes Namenstäflein
— knapp und nüchtern wie die Etiquette unter der
getrockneten Blume im Herbarium.

Wäre es doch möglich gewesen, die dem heimischen
Boden entrissenen Stuhlgebilde ein wenig mit heimat-
lichem Leben umkreisen zu lassen, sähe man doch auf
jedem Sessel, jedem Fauteuil, jeder Ruhebank den Ahn-
herrn sitzen, in Ausdruck, Rhythmus, Gebärde und Tracht
der Zeit und des Landes, für die jene Geräte geschaffen
waren: welch ein Bild der menschlichen Kulturent-

So aber muss die Phantasie
was die Wirklichkeit versagt. Den leeren
Schalen müssen wir selber ihre lebende Füllung hinzu-
gestalten und die Dahingegangenen oder die fern von
uns Wohnenden aus der Bildersammlung unseres Gedächt-
nisses vor das innere Auge beschwören, — den nackten
Grabherrn der Pyramide, den in wallendem weichem
Chiton gekleideten Griechen, den waffengeschmückten
Römer, die in langem Faltengewand sittsam dahin-
wandelnde altdeutsche Jungfrau, die farbenprächtigen
Repräsentanten der Renaissancezeit, des wuchtigen Barock
und des eleganten Rokoko , den antikisch posierenden
Empiremenschen, den bescheidenen Biedermeier, den
Modeherrn unserer eigenen Tage und was an weiblicher
Toilettenkunst bis zum künstlerischen Eigenkleid sich
heute auf dem Parkett des Salons zur Schau stellt; dazu
den schwarzen Sohn der afrikanischen Sonne, den rötlich

wickelung würde das geben !
ergänzen

strahlenden Nadowessier von den Ufern des Arkansas,
den in Perlen und Juwelen glänzenden Inder, den gelben
Mann aus dem Reiche der Mitte und den Swell und
die Geisha von Tokio.

Aber nicht nur ganz allgemeine Zeit- und Volks-
typen haben wir uns im Lichthofe des Museums an
der Prinz Albrecht-Strasse zu vergegenwärtigen, sondern
wir müssen, wie wir das bei heiligen Reliquien zu tun
pflegen, zur Vertiefung des Stimmungsbildes auch ganz
bestimmte Persönlichkeiten zitieren, nämlich die indivi-
duellen Träger des Geistes der betreffenden Epochen
und Länder. Auch in diesem Betrachte konnte kein
Fingerzeig gegeben werden. Und das ist schade. Denn
die grosse Menge liebt nun einmal ein wenig Inhalts-
ästhetik. Fesselnder als der bescheidene Teil einer
schlichten Wirklichkeit, dünkt ihr ein Gebild, das
irgendwie zu fernschweifenden Gedankengängen anregt,
gleichviel ob persönlicher oder allgemeiner Art: da sei
an blauem Gewässer ein stillredender Weidenbaum
gemalt, — wie wird er doch mit einemmale lebendig,
wenn man uns auf irgend eine Weise bedeutet, dass
unter seinen trauernden Zweigen etwa der Leichnam der
armen Ophelia dahintreibe! —

Einst stand ich vor der Ruine eines schmucklosen,
wurmzerfressenen Arbeitsstuhls. Es war in London,
am Cromwell-Place, zwei Jahrzehnte sind seitdem ver-
flossen. Sein Besitzer war ein Sammler von Sitzmöbeln
aller Zeiten und aller Länder, aber nur solche Stühle
hatte er in seinem Museum vereinigt, die durch die
Persönlichkeit ihrer einstmaligen Eigentümer geheiligt
waren. Da sah man Bulwers niedrigen Schreibtisch-
stuhl mit kreisrundem Sitz und Lehne, »wie geschaffen«,
so meinte sein neuer Herr, »zu konzentrierter Gedanken-
loading ...