Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 15.1904

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INNEN - DEKORATION.

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anlagen, Werkstätten und alles was mit dem ge-
werblichen Gebiet zusammenhängt: was gäbe es
da grossartiges zu leisten, wenn in solche Riesen-
aufgaben einmal ein einheitlicher, künstlerischer
Gedanke käme! Würde mit solchen Maßstäben
nicht — quantitativ — die ganze Kultur z. B.
Ägyptens in den Schatten gestellt? — Künstler,
Genie — du Bismarck einer neuzeitlichen Kultur —
mögest du bald geboren werden! Die Millionen
warten deiner, dass du sie zum Ruhme unseres
Jahrhunderts in künstlerische Kultur umsetzest!

Wollen wir aber reif werden für diese grosse
neue Kunst, dann müssen wir an uns selbst beginnen,
alles kleinliche und kindische abzustreifen. Bei jedem
Werke müssen wir auf innere Einheit und Logik
sehen. Wir müssen uns klar darüber werden, worin
der künstlerische Reiz architektonischer Gebilde
liegt. An den Leistungen verflossener Kunstepochen
können wir über solche Fragen Aufschluss holen.
Wir werden dort gewisse unwandelbare Kompo-
sitionsprinzipien ablesen können, die auch Schöpf-
ungen unserer Zeit befolgen müssen. Dann werden
wir erfahren, dass Einfachheit keineswegs Nüchtern-
heit bedeutet, sondern dass ein künstlerisch wir-
kendes einfaches Gebilde eine Reihe künstlerischer
Gesetze erfüllt, die wir beachten müssen, wenn wir
Werke gleichen Reizes
schaffen wollen. Die For-
men an sich dürfen dann
neu oder alt sein; sie sind
»modern«, wenn sie uns
etwas zeitgemässes zu
sagen haben. Der For-
mens/z«?)^??' ist dann dem
Dichter vergleichbar, der
unsern Wortschatz be-
reichert. Aber die Neu-
bildung des Wortes ist
noch nicht die künstle-
rische Tat. Man kann
mit neugebildeten Worten
auch Stumpfsinn reden!
— Die Probleme der Form
treten im allgemeinen
zurück gegenüber den-
jenigen der Massengliede-
rung. Ein wohlproportio-
nierter Bau kann durch
schlechtes Detail nicht
ganz verdorben werden,
aber ein schlechtpropor-
tionierter auch durch das
schönste Detail nicht ge-
rettet werden. Es ist des-

halb zweckmässiger, dem Rhythmus der Massen
das höchste Augenmerk zu widmen und das Detail
zunächst nur zur Karakterisierung der Massen zu ver-
wenden. Der Schmuck sei der Rhythmus; das Orna-
ment eine zarte Beigabe, die sich ganz intim unter-
zuordnen hat. — Der Garten ist ein Teil der Archi-
tektur, denn er ist in unserm Falle der Rahmen.
Auch er muss einen rechten Maßstab haben, und bei
kleinen Dimensionen erst recht bei aller Natürlich-
keit den Geist ruhiger Ordentlichkeit spüren lassen.

Einem wohlgeordneten, tätigen, von Kunst
verklärten Lebensgenüsse die Stätte bereiten heisst
eine neue Kultur schaffen! dr. ing. ernst vetterlein.

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grundrisse zum entwurfe auf seite 2öo.

KOLONIEN MIT EINFAMILIEN-HÄUSERN.
Aus den vorstehenden wertvollen Ausführungen
an der Hand der vielen eingestreuten beachtens-
werten Entwürfe zu Einfamilienhäusern, als frucht-
bares Ergebnis unseres Preis-Ausschreibens, ersehen
wir hinreichend, von welcher grossen Bedeutung
für das soziale und wirtschaftliche Leben das Wohnen
und Hausen der Menschen ist. Die moderne Bau-
spekulation hat sich auch der Lösung dieser Frage
zugewandt, nachdem der Staat, Kommunen, grössere
Verbände von Beamten, Lehrern und anderen in sich
geschlossenen Berufsklassen es unternommen haben,

auf billig erworbenen Bau-
geländen mit guten Ver-
bindungen nach den Stadt-
zentren solcheSiedelun gen
von Einfamilienhäusern er-
stehen zu lassen. Krupps
weltbekannte Kolonien
für seine Beamten und
Arbeiter sind für ähnliche
Gründungen durch andere
grosse industrielle Werke
geradezu vorbildlich ge-
worden. — In unserer
»Zeitschrift für Iunen-
Dekoration« können wir
dem Einfamilienhause als
Bau leider keinen brei-
teren Raum zuweisen,
werden jedoch bemüht
bleiben, das in unserer
»Deutschen Kunst und
Dekoration« zu tun, für
welche Zwecke wir photo-
graphische Aufnahmen
von Darmstädter und
Karlsruher Einfamilien-
häusern bereits bewirkt
haben. die Redaktion.

n°TTO MOPfNUNG
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