Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 15.1904

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INNENDEKORATION

XV. 3HHRGtm<3. Dcirmffcidf 1904. 3Uni = H£FT.

Eine neue Magdeburger Weinstube.

Pie Hauptstrasse Magdeburgs, der »Breiteweg«,
ist nicht nur wegen ihrer ungewöhnlich
stattlichen Breite, sondern auch wegen der
alten schönen Barockgiebel ihrer stolzen Kaufmanns-
Häuser berühmt. Leider bröckelt von dieser Herr-
lichkeit fast jedes Jahr ein wenig ab. Und wenn
das wuchernde Gewächs der Warenhäuser in dem-
selben Maße an den Rändern des Breiteweges
weiterwächst wie in den letzten Jahren, dann lässt
sich mit einiger Sicherheit der Zeitpunkt berechnen,
an dem die letzte Barockfassade gefallen sein wird.

Es ist begreiflich, dass eine solche Perspektive
die Kunstfreunde Magdeburgs lebhaft erregt und
dass manche Architekten sich theoretisch und
praktisch mit dem Problem befasst haben, wie es
möglich sei, dem Breiteweg auch unter den ver-
änderten Zeitverhältnissen sein vornehmes Gepräge
zu erhalten. Die einen haben versucht, im Stil der
Alten zu bauen, die andern haben es gewagt, eine
moderne Fassade mit feinfühliger Anpassung an
die umgebenden Gebäude zwischen ragende Giebel
hineinzustellen; ein Architekt aber ist einen dritten
Weg gegangen. Der Baumeister Conrad Raufer
hatte von der Weinhandlung Dankwarth & Richters
den Auftrag erhalten, an der Stelle des alten
schlichten Stammhauses am Breiteweg einen Neu-
bau zu errichten. Der Bauplatz lag gegenüber dem

einstigen Standort der »Heydeckerei« des berühm-
testen aller Magdeburger Barockhäuser, das zur
allgemeinen Empörung einem freudlosen Bau des
Warenhauses Gebr. Barrasch hatte weichen müssen.
Da kam dem Architekten der Gedanke, die gestürzte
Fassade der Heydeckerei wieder aufzurichten, dem
Breiteweg seinen alten Schmuck zurückzugeben.
Und da man die Sandsteinteile des Giebels pietät-
voll aufgehoben hatte, und auch von anderen alten
Bauten gute Modelle zur Hand waren, wurde es
in der Tat möglich, diesen Gedanken in eine un-
gewöhnlich echte Wirklichkeit zu übersetzen. Aber
Conrad Raufer begnügte sich nicht damit, das Alte
wieder lebendig zu machen, sondern — und das
verdient besondere Beachtung — er zwang das
Alte, sich in den Dienst der neuen Zeit zu stellen,
er legte ins Erdgeschoss eine Reihe weiträumiger
Läden und übergab Albin Müller die Aufgabe, im
ersten Stockwerk ein Weinrestaurant nach eigenen
Ideen zu schaffen.

Schon manche Architekten haben die erste
Hälfte des Raufer'schen Gedankens durchzuführen
gesucht, Altes an geeigneter Stelle pietätvoll wieder
lebendig zu machen, aber in der Regel hielten sie
es für die allein mögliche Konsequenz, dem echten
Alten ein imitiertes Alte hinzuzufügen. Und da
entstanden denn die altdeutschen Bierstuben mit

lWli. vi. i.
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