Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 19.1908

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INNEN-DEKORATION 285

ARCHITEKTEN A. KARST UND H. FANGHÄNEL CASSEL. Sthlaf-Zimmrr im Kurhotel.

Möbel: Ludwig Alter - Darmstadt.

UNZWECKMÄSSIGKEITEN.

t O tühle, auf denen man nicht sitzen kann, Gläser,
aus denen man nicht trinken kann!« — wie oft
und mit welchem Hohn hat die Apologie des modernen
Kunstgewerbes diese und hundert ähnliche Anklagen
gegen die ältere gewerbliche Arbeit geschleudert! Für
sich selbst aber nahm sie die strengste Befolgung des
Zweckmäßigkeits-Prinzips in Anspruch. Die Theorie
wie die Praxis der kunstgewerblichen Revolution haben
sich gleichermaßen unter die Herrschaft des Zweckes
gestellt und erkennen diesen damit als hauptsächlichen
Maßstab an, nach dem sie beurteilt werden wollen.
Eine Versündigung gegen die Zweckmäßigkeit wiegt
daher bei modernen kunstgewerblichen Arbeiten viel
schwerer als früher. Denn früher standen anerkannter-
maßen die Dekoration und die »Stilhuberei« , also
lediglich »ästhetische« Momente, im Vordergrund. Heute
bedeutet eine Verfehlung gegen den Grundsatz der
Zweckmäßigkeit geradezu eine Selbstverneinung; sie be-
deutet eine Sünde wider den heiligen Geist des Kunst-
gewerbes und kann als solche nie und nimmer ver-
ziehen werden.

Ich sehe hier zunächst ganz davon ab, daß das
heftige Vorschieben der rein intellektuellen Zweckmäßig-
keit vom wissenschaftlich-ästhetischen Standpunkte aus
einen Mißgriff bedeutet. Denn es wird dabei die eine
Seite des kunstgewerblichen Schaffens, die rein optische,
ästhetische, völlig außer Acht gelassen. Die Zweck-
mäßigkeit, um die es sich beim Kunstgewerbe handelt, muß
immer zugleich eine optisch erkennbare, eine ästhetisch
gestaltete sein. Schieben wir nicht zwischen Gegen-

stand und Beschauer dieses Moment der Erkenntnis
ein, so bleibt unser Kunstgewerbe ewig in wüstem
Naturalismus stecken.

; • Wenn ich hier trotzdem von Zweckmäßigkeit im
Sinne von rein praktischer Brauchbarkeit spreche, so
geschieht das deshalb, weil der Begriff Zweckmäßigkeit
über zehn Jahre lang in dieser ganz naiven Bedeutung
gebraucht worden ist, und weil er tatsächlich in dieser
Gestalt reorganisatorisch wirksam geworden ist. Das
hat jedenfalls zur Folge, daß ausgesprochene Zweck-
widrigkeiten an neuen kunstgewerblichen Arbeiten ganz
außerordentlich auffallen.

Es muß gesagt werden, daß solche Zweckwidrig-
keiten viel häufiger vorkommen, als allgemein bekannt
und zugegeben ist.

Ich habe vor mir einen Teekessel, dessen Schöpfer
einen hochberühmten Namen trägt. Alle Achtung, sage
ich mir. Der Deckel ist in einer reizenden, gedrungenen
Linie geschwungen, der ganze Aufbau hat etwas von
guter Architektur an sich; die Massenverteilung ist sehr
gut, der breite, biedere Kessel ruht fest in dem von
kleinen Messingsäulchen getragenen Ring. Schlichtheit
und Vornehmheit sind die Merkmale seiner äußeren
Erscheinung, der Ausguß setzt sich sehr hübsch an den
gedrungenen Körper des Kessels an.

Gut. Ich will den Spiritusbrenner füllen, um mir
eine Tasse Tee zu kochen. Aber ich kann ihn nicht
herausnehmen, ohne den Kessel abzuheben. Auch als
ich anzünden und späterhin wieder auslöschen will,
muß ich jedesmal den Kessel aufheben, um zur Lösch-
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