Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 24.1908-1909

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-^feö> DIE 35. JAHRESAUSSTELLUNG IM WIENER KÜNSTLERHAUS <^=^

bildchen, zwei wundervolle Landschaften und die
Federzeichnung eines weiblichen Kopfes geschickt
hat, sei zuerst genannt. Vielversprechende Radie-
rungen haben der Berliner Wolfsfeld (Porträts
von fabelhaftem Können) und der Württemberger
Schlipf (zarte, sinnige Schwarzwaldlandschaften)
gesandt. Weiter erwähnen wir Brendel mit einem
sonndurchglühten Bilde aus Algier, Hans Joachim
Wagner mit einer brillanten Abenddämmerung am
Tiber, dann Max Röder, Ottomar Brioschi, Her-
mann Hirsch, Hradil mit italienischen Land-
schaften, Nöther, Gartmann, Glicenstein (den
Bildhauer) mit Porträts. Lipinsky hat schöne Akte,
Heinrich Heyne symbolistische Oelgemälde, Land-
schaftslithographien und einen Schrank mit vor-
nehmstem Schmuck.

Von Skulpturen ist manches Gute da. Schrödters
Grabreliefs erinnern an antike Vorbilder, Max
Schmitts weiße Marmorbüste »Emilia« mitden pech-
schwarzen Augenbrauen und dem schwarz schim-
mernden Haarwulst hat in der Münchener Secession
Aufsehen erregt und Hans Kletts Figürchen eines
bittenden Mägdeleins ist sehr zart und lieblich. Benno
Elkan endlich stellt eine höchst lebensvolle Büste
des Musikers d'Albert und eine Sammlung Me-
daillen mit Bildnissen berühmter lebender Fran-
zosen aus. Mit dieser seiner Frühjahrsausstellung
— die leider in den beschränkten Räumen des Pa-
lazzo Serlupi nicht genügend zur Geltung kommt —
haben die deutschen Künstler Roms sich neben den
übrigen Künstlerkolonien überaus glücklich betätigt.
Ob jemals eine >Deutsche Akademie« in Rom un-
seren Landsleuten für ihre Werke eine vorteilhaftere
Ausstellungs-Stätte bieten wird? Dr. h. Barth

DIE 35. JAHRESAUSSTELLUNG

IM WIENER KÜNSTLERHAUS

W/as diese Ausstellung an außerordentlicher An-
" ziehungskraft bietet, ist auf dem Gebiete der
Porträtmalerei zu suchen. In die erste Reihe hat sich
Josef Jungwirth durch die Bewältigung der wahr-
lich nicht geringen Aufgabe gerückt, die ihm die Dar-
stellung einer »Sitzung des niederösterreichischen
Landtages« zum Thema gemacht hat. Es sind nicht
allein die mehr als siebzig Bildnisse ähnlich und in un-
auffälliger Anordnung zueinander in Beziehung ge-
bracht, sondern auch viel malerischer Reiz istaus dem
Gegenspiel der natürlichen und der elektrischen Be-
leuchtung des roten Saales geholt worden. Das mehr
vom stofflichen Interesse geleitete Publikum drängt
sich freilich eher um ein Gruppenbild von J. q. Adams,
der eine »Operation« in der gynäkologischen Klinik
sich zum Problem gewählt hat. Er ist dabei dem
Unerfreulichen in nichts aus dem Wege gegangen,
aber bei aller Geschicklichkeit eines gewandten
Pinsels wurde die Situation, deren Wahl sein gutes
künstlerisches Recht ist, im malerischen Sinne nicht
ganz bewältigt. Viktor Stauffer sah sich vor
andern Schwierigkeiten, als er im Auftrag des Kaisers
Wilhelm II. dessen Porträt für den Grafen Wilczek
zu malen hatte; es ist ihm gelungen, das blinkend
behelmte Haupt gegen die starken Farben des rot-
samtenen, blau gefütterten Mantels zur Geltung zu
bringen. Uebrigens erweist sich Stauffer auch als
Maler der weiblichen Eleganz, nach Art der großen
Engländer des 18. Jahrhunderts, die ebenso wie die
modernen Franzosen für gewisse gesellschaftliche
Kreise maßgebend wurden. Doch hat ja Wien seine
eigene Tradition für solche »repräsentative« Por-
träts, für die Heinrich von Angeli, Philipp

Laszlö, Paul Joanowitsch, LeopoldHorovitz,
Hans Temple, Kasimir Pochwalski u. a. ein-
treten. Unter den Jüngeren bewähren sich wieder
H. Rauchinger, Karl Gsur, Nik. Schatten-
stein, W. V. Krausz, Hermann Torggler (Graz)
und der freilich von seiner Detailsucht gefährdete
Tom Dreger aufs beste. Während viele noch in
der alten Anekdotenkrämerei befangen sind, die
sich von der leblosen Technik nicht trennen zu
wollen scheint, wächst ein junger Stamm von Genre-
malern heran, nach Befreiung ringend; ganz traulich
wirkt da Franz Windhager, im Bereich des Wiener
Lebens sucht sich jetzt J. N. Geller seine Vor-
würfe und Hans Larwin schildert koloristisch
munter das Treiben in den äußeren Bezirken, un-
gescheut mit starken Farben wirtschaftend, aber
doch nicht mit der mondänen Glättung wie Raimund
Germela (»Am Strand«) oder so unruhig in den
Farben wiejEHUDO Epstein(»EineSagrain Burano«).
Die zarten Fabeleien Gottfried von Kempfs mit
ihren lieblichen Naturstimmungen, die miniaturen-
haft durchgeführten Synagogenszenen von Isidor
Kaufmann sind hinlänglich bekannt wie vieles andere
in der überwältigenden Fülle, von deren Mittelgut
die helltönigen Idyllen von Emanuel Baschny
wohltätig sich abheben. Große geschichtliche Vor-
gänge zu entfalten, daran macht man sich nur mehr
heran, wenn ein Auftrag vorliegt; die Pferde- und
Militärmaler Julius von Blaas und Ludwig Koch
schilderten Episoden aus der österreichischen Kriegs-
geschichte mit gutem Gelingen, nicht allein im
Vorschriftsmäßigen. Die Landschafter haben sich
ziemlich vollzähl ig eingestellt; bei Darnaut, Robert
Russ, Suppantschitsch, Tina Blau, Konopa,
Ad.Zoff, Kaufmann verweilt man gerne; Ferdinand
Brunner gibt die Elegie eines alten Stadtplatzes
höchst stimmungsvoll, Otto Nowak eine Brandung
an der Adria. Dekorativ aufgebaut sind die Land-
schaften von Kasparides, inihrem Farbenschweigen
typisierend, die Veduten hingegen von Tomec,
nicht so sehr an Buntheit hingegeben, und Hans
Wilt, der sein Herbstbild sehr schön abstuft, halten
sich enger an die Motive aus dem Wienerwald.
Quittner läßt durch das abendliche Grau eines
Pariser Boulevard die mannigfaltigen Lichtersprühen,
in dem Gesamteindruck des wandgroßen Bildes
glücklicher als in Einzelheiten. Das Aufgebot der
Maler wurde heuer durch eine Anzahl Gäste ver-
mehrt, die an dieser Stelle schon oft gewürdigt
wurden, auch auf Grund der hierher beigebrachten
Werke: Vogeler (»Sommerabend«), Strathmann
(»Die heiligen drei Könige«), Klein-Chevalier
(»Landung in Helgoland«), Kallmorgen, Fritz
v. Wille, Karl Böhme, Modersohn u.a.m., die
sich ebenso wie die Italiener Tito, Fragiacomo,
Milesi, Ciardi, Bianco, Bezzi, Sartorio von
keiner neuen Seite zeigen. Geringer ist die Beteiligung
des Auslandes vonseiten der Plastiker; die Brüs-
seler Victor Rousseau und Paul du Bois, Leo
Sinayeff-Bernstein (Paris), ferner August Heer
^München), Josef Hinterseher sind mit Ehren
zu nennen. Ueber die Wiener Bildhauer soll dem-
nächst einmal in dieser Zeitschrift ausführlich ge-
sprochen werden. Die gegenwärtige Ausstellung
läßt vor allem eines deutlich erkennen, daß näm-
lich auf dem Gebiete der Medaillen- und Plaketten-
kunst das Beste geleistet wird. Stephan Schwartz,
Rudolf Marschall, Ludwig Hujer, Arnold
Hartig, Hans Schaefer, KarlPhilipp,Richard
Placht stehen da wirklich obenan, mögen auch
manche Stücke nicht so einheitlich geglückt sein
wie die von Karl Wollek, der als erfahrener
Großplastiker aus dem Vollen arbeitet. Porträtbüsten

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