Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 24.1908-1909

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DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER MÜNCHNER SECESSION

hans v. bartels mondnacht an der zuyder-see

Ausstellung der Akademie der Künste, Berlin

DIE FRÜHJAHRSAUSSTELLUNG DER
MÜNCHNER SECESSION

Von Georg Jacob Wolf

\7on den Frühjahrsausstellungen der Münchner
* Secession konnte man sich früher stets eine
besondere Ueberraschung erwarten — zum minde-
sten ein intensives Loswettern junger, unverbrauch-
ter Kräfte: oft war es wie der Tau wind, der segnend
oder verheerend daherfährt. Solche stürmische Be-
kanntschaften machen wir heute nicht mehr: ich
will es nicht gerade beklagen, aber ich halte es doch
für nötig, die Tatsache zu konstatieren. Wird uns
heute irgend ein Neuer, ein Frühlingsmann vorge-
stellt, so vollzieht sich das in den manierlichsten
Grenzen der Salonfähigkeit. Und zahlreiche alte,
>gewappelte< Herren stehen herum und sorgen da-
für, daß die bürgerliche Wohlanständigkeit gewahrt
bleibe. . . Vielleicht, so sage ich mir bei solchen Er-
wägungen, bin ich blasiert geworden im Laufe eines
der kritisch-analysierenden Kunstbetrachtung gewid-
meten Jahrzehnts und die Schuld der >Nicht-Sen-
sationierung« liegt allein an mir; vielleicht. . .
Im übrigen halte ich weitere Reflexionen für zweck-

los und konstatiere und registriere im folgenden
leidenschaftslos die alten und die neuen Werte der
Münchner Secession.

Ein paar von den Führern haben sich eingestellt.
Fritz von Uhde variiert mit dem Bildchen >Nach-
mittagsonne« glücklich eines seiner Lieblingsmotive:
weißgekleidete junge, schlanke Damen promenieren
im grünen Garten. Auch Hugo von Habermann
gießt alten Wein in neue Schläuche: er paraphra-
siert sein altes Thema, das Weib, und zeigt, daß
er diesem Motiv malerisch stets neue Nuancen ab-
zugewinnen weiß. Amandus Faure, unser stets
willkommener Stuttgarter Gast, hat wieder Komö-
diantenmalereien da: es ist das gewohnte tiefe Schwarz-
braun, das seine Bilder beherrscht, nur zuweilen
zuckt ein greller rembrandtischer Beleuchtungseffekt
auf, oder es platzt eine schrille Trikotfarbe aus dem
dunklen Ensemble los. Ein noch wenig bekannter
Künstler, Walter Schnackenberg, tut sich dies-
mal energisch hervor. Die Porträtstudie einer ä la
Otero stilisierten Dame ist zumal in der Stoffmalerei
von unbestreitbaren Qualitäten, ein großes Figuren-
bild >Am Toilettentisch«, ein Akt mit grünen Strümp-
fen vor dem Spiegel, erscheint zahlreichen Besuchern
der Ausstellung als der >Clou«, und wie ein rich-

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