Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 24.1908-1909

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^4=l5> DIE PILOTY-SCHULE

die Resultate des sogenannten „künstlerischen selig werden. Diese Lehrmethode fand unter der begab-
Sehens" schon für „Kunst" hin! Man begnügt ten Jugend jenerZeit viel Anklang und veranlaßte,daß

. , ... . ... _......° °. sich im Atelier Pilotys, der seit löab Professor, seit

sich mit dieser eigentlichen Objektivarbeit, mit ,874 Direktor der Münchner Akademie war und bis
der Sehmanier. Man bildet diese „innere Tech- zu seinem Tode (21.Juli 1886) eine ausgedehnte Lehr-
nik", wie ich sie im Gegensatz zur Handarbeit tätigkeit entfaltete, die besten der jungen Kunstbe-
nennen möchte, oft zu hoher Vollkommenheit geisterten zusammenfanden. Es sind darunter Leute,
, , .... die späterhin Fuhrer in entscheidenden Richtungen

aus — ohne dann damit eüvas zu sagen, zu der deutschen Kunst wurden, und um deren Namen
schenken. Die liebe Welt nimmt aber die Vor- sichderimmergrüneKranzderUnsterblichkeitwindet.
bedingungen gern als „Kunstwerke" hin
— und fühlt meistens nicht einmal, daß
es besten Falles weitausgeführte Natur-
studien sind. Darum sind ja unsere Aus-
stellungen, zum Teil sogar unsere Samm-
lungen oft so öde, weil man immer wie-
der den nur bildmäßig fertig gemachten
Studien begegnet, — so verflixt selten
aber einem echten Werk. Haben Sie
schon einmal überlegt, wie weit die Denk-
fähigkeit — ja nur die Denkwilligkeit in
dieser Richtung geht? Nimmt man etwa
gern von einem Künstler das, was er
gibt, als Geschenk hin — also, daß man
innerlich bereichert davon geht? Etwas
vielleicht vorher Niegesehenes, etwas,
das alle Prozesse des inneren Umschmel-
zens durchgemacht hat — also, daß es
von jeder Schlacke frei erscheint? Will
man etwa gesunde, kräftige Früchte vom
Baum des Lebens? Ich könnte Ihnen er-
zählen, daß die sonst höchst friedlichen
Bürger einer schönen Stadt mobil mach-
ten, revolutionierten — bloß, weil man
sie mit einer Kostbarkeit beschenken
wollte, deren Wert ihnen fremd, un-
sichtbar war.

(Der Schluß folgt)

DIE PILOTY-SCHULE

IZ'arl von Piloty (1826—1886) ist einer der
wuchtigsten Akzente der Münchner Kunst
im 19.Jahrhundert, er ist es und wird es blei-
ben trotz aller Absprechereien, die in den letz-
ten Jahrzehnten an ihm gemäkelt und gezerrt
haben. Diese Bedeutung ruht aber nur zum
geringeren Teile auf seiner eigenen Kunst:
da ist er nicht viel mehr als ein geschickter
Importeur, der im geeigneten Augenblick den
koloristischen Realismus Belgiens und Frank-
reichs in Deutschland einführte; nur zu deut- john lavery ig miss lily elsie als lustige witwe
lieh erkennt man, wie ihn Delaroche, Gallait
und de Biefve inspirierten. Seine fortwirkende

Kraft beruht vielmehr auf seiner Tätigkeit als Lehrer, Unter solchen Umständen muß eine Ausstellung
auf der ganz eminent feinen Witterung, die er, sich der Frühwerke der zahlreichen Piloty-Schüler auf
selbst gegenüber ziemlich kritiklos, für wirkliche ma- alle Fälle etwas Anziehendes, Reizvolles und Ver-
lerische Begabungen besaß. Man muß es ihm zu dienstliches haben. Das sagten sich wohl auch die
hoher Ehre anrechnen, daß er seinen Schülern nicht Leiter der Galerie Heinemann in München, die uns
gewaltsam seine Art aufdrängte. Er verstand es, sie im April und Mai eine auserlesene Piloty-Scnule-Aus-
zu geschickten Technikern zu erziehen (soll er doch Stellung in ihren schönen Räumen zeigten. 65 Künst-
einmal gesagt haben, er getraue sich, aus jedem 1er mit 268 Bildern und Studien zogen auf, und dar-
Bauernburschen, der Auge und Hand habe, einen— unter fehlte keiner der berühmten Namen der Piloty-
im technischen Sinne! — vollendeten Maler zu ma- Schüler. Freilich war da auch manches weniger Wert-
chen), im übrigen aber ließ er sie auf ihre Fasson volle: Atelierakte und >gemalte Unglücksfälle«, wie

Die Kunst für Alle XXIV.

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