Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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selbst an hervorragender Stelle hervorgehoben
wurde, stellt sich jene Handlungsweise doch als
eine rechte Erbärmlichkeit von Seite der Konkurrenz
heraus. Dieselbe Sorte Kollegen, die Einem in dem
ersten Vorwärtsdrängen durch Nichtanerkennung
irre zu machen und zu schädigen suchen, bemühen
sich, dasselbe Ziel später dadurch zu erreichen, dass
sie die spätere Thätigkeit auch als minderwertig
erklären, dagegen mit einemmal als hervorragend
die erste Periode bezeichnen, um die unterdessen
trotz eifrigster Bekämpfung eingetretenen Erfolge
wenigstens auf ein möglichst kleines Gebiet ein-
zuengen.

Während des Sommers drängte Schuch wieder
zum Landschaftsmalen und wir hielten uns zu diesem
Zweck im nahen Wessling und zum Schluss noch in
Bernried auf. Dort entstanden: Kartoffelacker (Pri-
vatbesitz), am See (Privatbesitz), Zimmermannsplatz
(Galerie Hamburg), Waldinneres (Privatbesitz),
Waldweg in Bernried.

Im Spätjahr 1876 reifte bei Schuch der Ent-
schluss, nachdem er seit fünf Jahren unter meiner
Leitung gemalt hatte, selbständig zu arbeiten, und
so zog er nach Venedig, wo er seine Stilleben-
periode begann. Während des Jahres war Schuch
ausser von mir, von sich selbst und von Hirth auch
von dem für kurze Zeit vom Lande hereingekom-
menen Leibl gemalt worden. Vor seinem Weg-
gehen von München hatte sich Schuch noch den
Besitz meiner im Jahre 1873 gemalten vier Wild-
stilleben gesichert, die fortan die Wände seines
Esszimmers dekorierten. Soweit von Schuch in
denselben Formaten ähnliche Wildstilleben, Fasanen
und Wildenten existieren, sind diese nicht mit mir
zusammen nach den gleichen Gegenständen gemalt
worden, sondern sie sind erst einige Jahre später in
Venedig und Paris, also zwischen 1877 und 1885
entstanden.

Zu derselben Zeit übersiedelte Thoma nach
Frankfurt. Leibl und Sperl waren nach Schorndorf
an den Ammersee verzogen, Hirth hatte sich in
Diessen am Ammersee niedergelassen, Schider war
nach Basel berufen worden und Lang folgte Böcklin
nach Florenz. Haider zog sich nach Miesbach zu-
rück, Alt war wegen dauerndem Leiden in seiner
Heimat Ansbach verblieben und Sattler hatte sich
in Loschwitz bei Dresden ein Heim gegründet.

Nachdem so alle mir näherstehenden Kollegen
München verlassen hatten, verkehrte ich mehr in
dem Freundeskreis Bayersdorfer, Eisemann, Martin

Greif, Du Prel und von Zeit zu Zeit gesellte sich
dazu der geistvolle Wiener Feuilletonist Ludwig
Speidel. Mit ihm besuchte ich anfangs der achtziger
Jahre Leibl in Aibling, über welchen Ausflug
Speidel damals zwei glänzende Feuilletons in der
Neuen Freien Presse veröffentlichte. In dieser
Periode entstanden nacheinander von mir: Giganten-
schlacht (Galerie Karlsruhe), Kampf der Lapithen
und Centauren, die wilde Jagd als Deckenbild,
Kreuzigung (Privatbesitz), Centaurenbilder (Stadel),
Modellpause (Brera Mailand), Amazonenschlacht
(Privatbesitz), Dantes Hölle (Privatbesitz),Tilly wäh-
rend der Schlacht beiWimpfen (Privatbesitz), Fried-
rich der Schöne in der Schlacht bei Ampfing (Privat-
besitz), Wachtparade München (Privatbesitz), Dogge
stehend, Dogge sitzend (Pinakothek München),
Dogge vor einem Tisch mit Teller (Galerie Karls-
ruhe), Dogge mit Würsten auf der Nase, junges
Mädchen mit gefalteten Händen (Privatbesitz), rotes
Mädchen mit schwarzem Halsband (Privatbesitz).

1875» reiste ich zur Pariser Weltausstellung auf
sechs Tage. Ich erhielt den Eindruck, dass uns wohl
die Franzosen vorangehen in der Geschmacksrichtung
und daher auch uns den Weg angeben, den wir
nachher wandeln sollen, dass wir Deutsche aber
gründlicher und besser das ausbilden, was die Fran-
zosen zuerst angestrebt haben. Auch in der goti-
schen Zeit ist die künstlerische Entwicklung in dieser
Weise vor sich gegangen. Der gotische Stil hat
sich in Frankreich entwickelt und hat sich in
Deutschland und den angrenzenden Ländern bis
zur höchsten Vervollkommnung ausgebildet, wenn
man Veit Stoss, Albrecht Dürer und Holbein als
die bedeutendsten Schlusssteine der gotischen Zeit
betrachtet.

1883 starb meine edelgesinnte Mutter, und
1885 folgte ihr mein guter Vater im Tode nach.
Die mir das Leben gegeben und keine Opfer und
keine Mühe gescheut hatten, mir die Wege zu ebnen,
sie haben beide diese Welt verlassen, ohne dass ich
ihnen die Freude bereiten durfte, im Beruf erfolg-
reich vor ihnen erscheinen zu können. So sehr ich
alle meine Kräfte anstrengte, um vor meinen Eltern
das so sehr ersehnte Ziel zu erreichen, so vergeblich
war all mein Bemühen, trotzdem alle die Bilder,
die jetzt von mir in deutschen Galerien hängen,
damals schon längst gemalt waren. Die Schuld lag
also nicht an mir, sondern an dem Verhängnis, dass
das Kunstverständnis jener Zeit auf einer allzu
niedrigen Stufe stand.

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