Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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CHRONIK

Unter Leibls Namen gehe Manches, das mit ihm
nichts zu thun hat. Dieser Thatsache vor allem verdankt
das Verzeichnis von J. Mayr, das ziemlich vollständig
sein dürfte, die Entstehung. Es scheint uns Pllicht dar-
auf hinzuweisen, dass auch im Leiblkabinert der Sezes-
sion, als Nr. 107, ein Bild hängt, das im Katalog als „Die
Grisette, Studienkopf zur Kokotte, 1 869 — 70" bezeichnet
wird, dessen Echtheit starken Zweifeln begegnet. Der
Kopf zeigt allerdings eine gewisse Ähnlichkeit mit dem der
berühmten „Kokotte". Aber er lässt die sorgfältig sichere
Zeichnung vermissen, die für Leibl selbst dort noch charak-
teristisch ist, wo er skizzenhaft mit dem Pinsel zeichnet.
Dieses aussergewöhnlich gut, aber im Ateliersinne etwas
„flott" gemalte Bild weist mehr auf die Diezschule als auf
Leibl. Etwa auf Duveneck, auf den Dr. Uhde-Bernays
kürzlich in der „FrankfurterZeitung" wieder aufmerksam
machte. Im engeren Kreise galt dieses Bild längst als
zweifelhaft. Julius Mayr, erkennt es nicht an; und
Johann Sperl, der Intimste Leibls hat es bei Diesem nie
gesehen und es nie erwähnen hören. Die „Studie zur
Kokotte" ist dieses Bild jedenfalls nicht; denn diese
Studie kennt Sperl genau. Sie ist seit langer Zeit schon
verschollen.

Klimsch hat mit seinem Virchow-Denkmal Glück.
Er gewinnt den Ruhm eines Märtyrers schon zum
zweiten Mal; denn nun hat, nachdem die Differenzen
mit den Auftraggebern geschlichtet worden sind, der
Kaiser Einspruch gegen die Aufstellung erhoben. Irgend-
wo wird das Denkmal natürlich doch errichtet; wie die
tüchtige Arbeit es verdient. Sie wird nun aber vorher
schon berühmt und populär, wie ein Theaterstück von
Fulda oder Dreyer, das die Zensur verbietet und das
dadurch gerade in der Leute Mund kommt.

Das Wort, dass Papier geduldig ist, fällt Einem jedes-
mal ein, wenn man in den Zeitungen von den Plänen
„Gross-Berlin" liest. Anderthalb hunderttausend Mark
sollen als Preise für eine Konkurrenz ausgesetzt werden,
die den Zweck verfolgt, dem sogenannten „Gross-Ber-
lin" in Zukunft einen einheitlichen Bebauungsplan zu
Grunde zu legen. Neue Vorortanlagen weit draussen,
neue Verkehrswege, ein „Wald-und Wiesengürtel" usw.
Die Architekten werden wieder einmal mit heissem
Bemühen auf dem Papier bauen; „Ideen" werden em-
porspriessen wie Unkraut. Leider ist der ganze Plan

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