Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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CHRONIK

Aus Paris wurde jüngst über eine That berichtet, die
so menschlich frei und gross anmutet, dass sie von Mund
zu Mund zu gehen verdient. Claude Monet, der sich nach
einem unendlich ruhmvollen Künstlerleben dem hohen
Greisenalter nähert, soll eine Reihe neuer Bilder, die
Frucht dreijähriger Anstrengung, kurzer Hand vernichtet
haben, weil sie seiner Selbstkritik nicht genügten. Man
spricht von etwa zwölf Werken, Landschaftsbildern, die
eine Wasserfläche in verschiedenen Wetterstimmungen,
in wechselnder atmosphärischer Farbigkeit zeigen.
Wer Monets Alterswerke kennt, ahnt dass er der Ge-
fahr, die seinem Talent in den letzten Jahren oft schon
drohte: die dekorative Übersteigerung der Impression zu
süsslich schimmernder Koloristik, erlegen ist. Aber dass
er es dann so klar gleich erkannt und ohne Zaudern
Werte, die ihm nicht viel weniger als eine halbe Million
hätten bringen können, vernichtet hat, das ist der Zug
eines Idealismus, der als Vorbild aufgestellt zu werden
verdient. So äussert sich im profanen Getriebe unserer
bürgerlichen Zeit das Heroische.



Der belgische Bildhauer Jef Lambeaux ist, sechsund-
fünfzigjährig, gestorben. Ein Temperament von vielen
Graden, ein Künstler von leidenschaftlicher Gestaltungs-
lust, der schwer mit dem Leben zu ringen hatte. Er
steht in der belgischen Skulptur da, wie Begas etwa in
der deutschen. Wie der Begas des Neptunbrunnens
oder des Kentauern, nicht wie der der Siegesallee. Im
Gegensatz zum naturalistisch antikisierenden Meunier
pflegte Lambeaux die barocken Traditionen der fran-
zösisch-flämischen Kunst; er dachte — als Epigone frei-
lich — an Rubens und Jordaens und bildete seinen
malerisch bewegten Stil an Carpeaux, Barye und Rüde.
Er gab sich als Bildhauer dem gefährlichen Drang zum
Dramatischen, Poetischen, zum „Michelangelesken" hin;
aber wo er das Lebenssymbol erstrebte, gelang ihm
meistens nur das temperamentvoll Dekorative und das
Virtuose. Hinter all dem Kolossalischen und Leiden-
schaftlichen, hinter der muskelstrotzenden Vitalitäts-
freude seiner Faune, Nymphen und allegorisch hero-
ischen Wesen steht als seelische Kraft der etwas patho-
logisch überhitzte Wille eines mehr nachempfindenden
als wirklich elementarischen Künstlers. Dennoch ver-

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