Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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SEZESSION UND AKADEMIE

ach seiner Entlassung hat Bis-
marck einmal einer Deputation
von Reichsdeutschen gegenüber
einen Gedanken geäussert, der
zuerst allgemein verblüffte, dessen
tieferer Sinn den Verständigen
nun aber aufgegangen ist. Der
Schöpfer der nationalen Einheit, der Uberwinder
des schädlichsten Partikularismus riet den Männern,
die aus den deutschen Bundesstaaten zu ihm nach
Friedrichsruh gekommen waren, sie möchten in
ihren Kreisen für die Erhaltung eines gesunden
Sondergeistes sorgen, damit nun der Gedanke
der nationalen Zentralisation in seiner Übertreibung
nicht ebenso verderblich werde wie früher der des
eigennützigen Partikularismus. Bismarcks Lebens-
weisheit wusste, dass Entwickeiungskräfte balan-
ziert ■werden müssen, dass man nicht grundsätzlich
unentwegt liberal oder konservativ thun darf, son-

dern nach Bedürfnis beides muss sein können. Wenn
die Masse dumpf beharrt wird der Einsichtige liberal
handeln; und er wird konservativ zu wirken suchen,
wenn sich die Menge an revolutionären oder fort-
schrittlichen Ideen zu sehr berauscht.

An Bismarcks eindrucksvolle Rede musste man
neulich denken, als eine Ansprache bekannt wurde,
die Liebermann seinen Sezessionisten gehalten hat.
Im Kleinen hat sich hier der Vorgang von Fried-
richsruh wiederholt. Mit sachlicher Ruhe hat
Liebermann, den man als den erfolgreichsten Kämp-
fer gegen toten akademischen Konventionalismus
kennt, der die revolutionäre Jugend zu ihren schön-
sten Siegen geführt hat, ausgesprochen, dass für den
Nachwuchs eine grosse Gefahr darin liegt, zu miss-
achten was die Akademie lehren kann, dass „man die
Akademie erlernt haben muss, um sie verlernen zu
dürfen."

Solche Kundgebung, zu dieser Zeit, kann nicht

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