Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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WALTER LEISTIKOW

EIN NACHRUF

VON

LOVIS CORINTH

Unter den Trauerklängen Beethovenscher Musik
teilte sich der Riesenvorhang, der den schwarz
drapierten Saal rückwärts abschloss und Einer
nach dem Andern traten in langem ernsten Chor
die Männer heraus, die den Toten nach der Grab-
stätte führen sollten. Die unsichtbare Musik steigerte
sich zu höchsten Fanfarentönen, um dann allmäh-
lich, sobald die Letzten sich zu beiden Seiten des
Katafalks in Reih und Glied gestellt hatten, zu ver-
klingen.

Hier in dem Sezessionsgebäude, wo Walter
Leistikow nun fast zehn Jahre seine organisatorische
Kraft eingesetzt hatte, um die Sezession auf die Höhe
zu bringen, wo sie jetzt steht, wo er gestritten und
gekämpft hat, ward der grosse Mittelsaal zu einem
Tempel für die Totenfeier verwandelt.

Schwarze schwere Flore hingen an den Wänden
herunter und strebten zur Mitte der Decke stern-
artig zusammen. Sie hüllten den Raum in ernstes
Dunkel; um so mehr wurde diese Dunkelheit her-
vorgehoben und so Jedermann zur Trauer erregt,
durch unzählige Kerzen auf hohen Armleuchtern
und Kandelabern, die in dem gedämpften Tageslicht
nur eine schwache Leuchtkraft um sich verbreiteten.
In der Mitte des Tempels war der Verstorbene in
schwerem Eichensarge aufgebahrt. Um den Kata-
falk waren die Kränze aufgetürmt; ein Einzelner
umschloss ganz das Fussende des Sarges und trug
auf dem breiten durchflochtenen weissen Seiden-
bande die Inschrift: „Ihrem geliebten und ver-
ehrten Führer die Sezession".

Nachdem der Pfarrer die Segnungen über den
Sarg gespendet hatte, hielten Liebermann und Ger-
hart Hauptmann, jener im Namen der Sezession,
dieser im Namen der Freunde noch tiefempfundene
Zwiegespräche mit dem Verstorbenen.

In seiner schönen Rede hat Liebermann in vor-
trefflicher Weise hervorgehoben, was Leistikow
für die Kunst bedeutet, auch wie er für seine Mit-
welt erzieherisch gewirkt hat. Unter andern sagte
Liebermannn: „Es ist Leistikows unvergängliches
Verdienst, den Stil gefunden zu haben für die Dar-
stellung der melancholischen Reize der Umgegend
Berlins. Die Seen des Grunewalds oder an der
Oberspree sehen wir mit seinen Augen; er hat uns
ihre Schönheiten sehen gelehrt. Nicht nur die
wenigen Bevorzugten, denen es vergönnt ist, sich
mit Leistikows Bildern zu umgeben: wer von der
Woche harter Arbeit und schwerer Mühe Sonn-
tags vor den Toren Berlins Erholung sucht, sieht
Leistikows."

Seine Grösse als Künstler ist definitiv aner-
kannt; Berufneren ist es vorbehalten seinen grossen
Wert in der Kunstgeschichte niederzuschreiben.

In diesem zur Trauer fordernden Augenblick
will ich von dem Menschen Leistikow reden.
Auch hier hat Liebermann in seinem Vortrag schöne
Wahrheiten gesagt: „Klugheit und Gemüt paarten
sich in ihm und bewirkten das seltene Phänomen,
dass er nur Freunde hatte: was um so wunder-
samer, als er nicht etwa ein Mann der geschmei-
digen Höflichkeit war, sondern ein Mann, der
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