Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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BÜCHER BESPRECHUNGEN

Die Gemälde und Zeichnungen von Matthias
Grunewald. Herausgegeben von Heinrich Alfred Schmid,
o. ö. Professor der Kunstgeschichte an der k. k. deutschen
Universität Prag. Erster Teil. 62 Lichtdrucktafeln in
Mappe. Verlag von W. Heinrich. Strasshurg i. E. 65 M.

Grünewald gehört nicht 7.11 den populären Meistern
der altdeutschen Kunst. Während Schongauer, Dürer,
Holbein und auch Cranach in aller Munde sind, war
sein Name bis vor kurzem nur einem kleinen Kreise
Eingeweihter bekannt. Er hat nur wenige Werke hinter-
lassen, und da diese zumeist nicht an den grossen Heer-
strassen der Kunstwanderer stellen, so haben sie die
allgemeine Aufmerksamkeit nicht auf sich gelenkt. Wer
aber jemals durch die düsteren Klosterhallen des Col-
marer Museums vor den Isenheimer Altar getreten ist,
von der mit den ergreifendsten Mitteln entrollten Tragik
des christlichen Glaubensdramas durchschauert und von
der glutvollen Ekstase überirdischer Visionen mitgerissen
wurde, der wusste sich imBanne eines ausserordentlichen
Genius und nahm einen Schatz von unvergänglichen
Lebenswerten mit sich. Dieser Schatz wird weiteren
Kreisen zugänglich gemacht durch die mustergültige
Publikation , die unter der sachkundigen Leitung des

verdienten Grünewald-Forschers seit Jahren vorbereitet
ist. Alles was von Grünewald bisher bekannt wurde,
ist in technisch voll endeten Lichtdrucken wiedergegeben.
Eine geschickte Auswahl von Detailaufnahmen in grö-
sserem Massstab unterstützt die Anschauung und lehrt
das technische Verfahren, die Formgebung und die
Ausdrucksmöglichkeiten des Malers verstehen. Die
Rekonstruktion des Isenheimer Altars in seinem ur-
sprünglichen Zustand durch den Herausgeber ist eine
wertvolle wissenschaftliche Beigabe.

Wenn der Künstler als gewaltiger Kolorist auch nur in
den farbigen Originalen ganz zu seinem Rechte kommen
kann, so bringt doch die vortreffliche Qualität der Licht-
drucke in Schwarz und Weiss die Farbenwerte so weit als
möglich heraus. Als Kolorist überragt er alle seine Zeit-
genossen. Dürer kann sich auf diesem Gebiete nicht mit
ihm messen. Es ist nicht ein nur mit Farbentönen operie-
render Kolorismus, der der Linienbegleitung gänzlich
entraren kann, wie ihn später die holländische Malerei in
so eminentem Maasse ausgebildet hat. Die Linie hat ihre
bedeutsamen Ausdruckswerte wie bei allen seinen Lands-
leuten. Sie hat ihren dekorativen Charakter und ihre
Gefühlsnote. Die Farben haben aber auch ihre selbständige

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