Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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MENZEL

ALS

ILLUSTRATOR

1 eber den Wert eines Buches
entscheidet die Art, wie der
Autor seine Leser zu Mit-
arbeitern, wie er sie pro-
duktiv macht. Je besser ein
Buch ist, desto selbständiger
und freier wird sich die
Schöpfnngskraft bei der Lek-
türe regen. Keinen höheren
Genuss giebt es, als die im Buch entwickelten
Gedanken durch eigene Vorstellungen zu er-
gänzen, durch persönliche Erinnerungsbilder zu
beleben und die Gefühlswelt des Schriftstellers
unmerklich zu erweitern, indem die Einbildungs-
kraft sie nachschafft.

Gesellt sich dem Schriftsteller der Illustrator,
so kann dessen Ziel nur sein, diese befruchtende
Gewalt über denkfrohe Menschen zu verstärken,
nicht aber sie zu verringern oder die geistige Ak-

tivitätslust der Leser zu zersplittern. Er hat darum
durchaus nach der vom Autor gewollten Richtung
zu wirken. So paradox es dem ersten Gedanken
aber scheinen mag: er vermag es nicht, wenn er
den Inhalt des Buches naturalistisch sachlich, im
engen Anschluss an die Worte des Textes schildert,
wenn er dem Leser zeigt: so war das betreffende
Haus, so die Physiognomie der Menschen und so
die Situation. Denn mit solcher Gegenständlichkeit
erregt der Illustrator nicht die Einbildungskraft,
sondern er lähmt sie; mit seinen besonders gearteten
Vorstellungen erschlägt er auf einen Streich dann
alle anders kombinierenden Vorstellungen. Er engt
mit seiner Sachlichkeit ein, arbeitet für grosse und
kleine Kinder, für die Vorstellungsarmen und Phan-
tasielosen, die nicht genug Schöpfungskraft haben,
um durch ihre Lebensfülle das Besondere des
Buches ins Allgemeine zu erweitern. Der rechte
Illustrator wird sich vielmehr von jeder chronisti-

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