Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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Ein skeptisches Lächeln auf den Lippen, betrachtete
ich diese gefallene Prinzessin mit der Dreistigkeit des
eben auf der Insel gelandeten Europäers. Aber ich
wollte höflich sein.

— Es ist sehr freundlich von dir, daß du ge-
kommen bist, VaVtüa. Wollen wir zusammen einen
Absinth trinken?

Und mit dem Finger weise ich in eine Ecke der
Kammer auf eine Flasche, die ich soeben gekauft hatte.

Ohne Unmut noch Freude zu zeigen, geht sie ein-
fach hin und bückt sich, um die Flasche zu nehmen.
Bei dieser Bewegung spannte ihr leichtes, durchsich-
tiges Kleid sich über den Lenden, — es waren Lenden
eine Welt zu tragen! O, sicherlich war es eine Prin-
zessin! Ihre Vorfahren? Stolze, tapfere Riesen. Fest
saß ihr stolzer, wilder Kopf auf den breiten Schultern.
Zuerst sah ich nur ihre Menschenfresserkiefer, ihre
zum Zerreißen bereiten Zähne, den lauernden Blick
eines grausamen, listigen Tieres und fand sie trotz
einer schönen edlen Stirn sehr häßlich.

Wenn ihr nur nicht einfiele sich auf mein Bett zu
setzen! Ein so schwaches Gestell könnte uns beide
ja nicht tragen. . . .

Aber gerade das tut sie.

Das Bett krachte, hielt es jedoch aus.

Beim Trinken wechseln wir einige Worte. Die Unter-
haltung will aber nicht lebhaft werden. Sie ermattet
schließlich und es herrscht Schweigen. Ich beobachte
die Prinzessin insgeheim, sie sieht mich aus einem
Augenwinkel verstohlen an, die Zeit geht hin und
die Flasche leert sich. VaVtüa trinkt tapfer. Sie dreht
sich eine tahitische Zigarette und streckt sich auf
dem Bett aus um zu rauchen. Ihre Füße streichen
ganz mechanisch fortwährend über das Holz unten
am Fußende, ihre Züge besänftigen sich, werden sicht-
lichweich, ihre Augen glänzen — und ein regelmäßiges
Pfeifen entschlüpft ihren Lippen — mir war als
hörte ich das Schnurren einer Katze, die auf blutige
Genüsse sinnt.

Da ich veränderlich bin, fand ich sie jetzt sehr
schön, und als sie mit bewegter Stimme sagte: „Du
gefällst mir," überkam mich eine große Unruhe. Die
Prinzessin war entschieden köstlich . . .

Ohne Zweifel, um mir zugefallen, begann sie eine
Fabel von La Fontaine, die Grille und dieAmeise
zu erzählen — eine Erinnerung aus der Zeit ihrer Kind-
heit bei den Schwestern, die sie unterrichtet hatten.

Die ganze Zigarette 'war in Brand.

— Weißt du, Gauguin, sagte die Prinzessin, und
erhob sich, ich liebe deinen La Fontaine nicht.

— Wie? Unsern guten La Fontaine?

—Vielleicht ist er gut, aber seine Moral ist häßlich.
Ameisen .... (ihr Mund drückte Abscheu aus). Ja,
Grillen, die ah! Singen, singen, immer singen!

Und stolz, ohne mich anzusehen, mit leuchtenden,
ins Weite blickenden Augen fügte sie hinzu:

— Wie herrlich war unser Reich, als noch nichts
verkauft wurde! Das ganze Jahr hindurch wurde
gesungen .... Singen, immer! Immer geben! ....

Und sie ging.

Ich legte mich wieder auf mein Kissen zurück, und
lange klangen die Worte: Ja orana, Gauguin,
schmeichelnd in mir nach.

*

Mein Entschluß war bald gefaßt. Ich beschloß Pa-
peete zu verlassen, mich von dem europäischen Mittel-
punkt zu entfernen.

Ich fühlte, daß, wenn ich das Leben der Ein-
geborenen im Busch völlig mit ihnen teilte, ich all-
mählich das Vertrauen der Maorie gewinnen und —
sie kennen lernen würde.

Und eines Morgens machte ich mich in einem
Wagen auf, den ein Offizier mir liebenswürdig zur
Verfügung gestellt hatte, um „meine Hütte" zu
suchen.

MeineVahina namens Titi begleitete mich. Halb eng-
lischer, halb tahitischer Abstammung sprach sie etwas
französisch. Für diese Fahrt hatte sie ihr schönstes
Kleid angelegt, die Tiare hinterm Ohr, ihren oben
mit Band, unten mit Strohblumen und einer Garnitur
orangefarbener Muscheln geputzten Basthut aufgesetzt
und das lange schwarze Haar aufgelöst über die
Schultern hängen. Sie war stolz in einem Wagen zu
fahren, stolz so elegant und die Vahina eines Mannes
zu sein, den sie für einflußreich und vermögend hielt
und war wirklich hübsch in ihrem Stolz, der nichts
Lächerliches hatte, so sehr paßt die majestätische
Miene zu dieser Rasse, die im Andenken an die weit
zurückreichende Geschichte ihrer Herrschaft und eine
unbestimmte Reihe großer Häuptlinge diesen herr-
lichen Stolz bewahrt. — Ich wußte zwar, daß ihre
sehr berechnete Liebe in den Augen der Pariser nicht
schwerer gewogen hätte, als die feile Gefälligkeit
einer Dirne. Aber die Liebesglut einer maorischen
Kurtisane ist etwas ganz anderes, als die Passivität
einer Pariser Kokotte -- ganz etwas anderes! Es ist
ein Feuer in ihrem Blute, das Liebe, seine eigentliche
Nahrung, erweckt, das Liebe atmet. DieseAugen und
dieser Mund können nicht lügen, ob uneigennützig
oder nicht, es spricht immerLiebe aus ihnen.

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