Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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Werke. Die Charakterisierung solcher Fälschungen,
die Warnung vor den Betrügern, die Mahnung an
die Betrogenen, die Fälscher zu verfolgen — aus
falscher Scham stehen sie leider meist davon ab! —
wie an die Richter, solche grosse Spitzbuben wirk-
lich als solche zu erkennen und zu strafen, ist da-
her sehr an der Zeit, sie muss laut, energisch und
recht oft ausgesprochen werden. Ich will einen
Versuch nach dieser Richtung machen, indem ich
hier eine Reihe besonders charakteristischer älterer
und namentlich neuer Fälschungen anführe, wie
sie mir nur zu oft unter die Augen gekommen
sind.

Man könnte ganze und halbe Fälschungen unter-
scheiden; als halbe wären solche zu bezeichnen,
bei denen der Rest eines alten Bildes, das Bruchstück
einer Figur benutzt worden ist, um etwas Vollstän-
diges daraus zu machen. Diese Gattung lasse ich hier
beiseite, da sie die harmlosere ist und mehr in das
Gebret der Restaurationen fallt. Freilich können
diese gelegentlich so weit gehen, dass sie einer
„ganzen Fälschung" sehr ähnlich sehen. So befand
sich in der Berliner Antikensammlung früher eine
Julia benannte Marmorbüste, bei der an das echte
Stück einer Frauenbrust eine ganze Büste anrestauriert
worden war; wir nannten sie daher als Studenten
Julia Mammaea. Bei Gemälden ist diese Art der
Fälschung natürlich noch viel leichter. Ich erinnere
mich, im Florentiner Kunsthandel vor ein paar
Jahren eines jener ganz handwerksmässigen Botti-
celliartigen Madonnenbilder gesehen zu haben, das
schliesslich für ein Billiges in einemRestaurator seinen
Käufer fand. Nach Jahresfrist war es in der Winter
Exhibition als Besitz eines bekannten Sammlers als
Botticelli ausgestellt, und die Kritiker stritten sich,
ob es noch der ersten Zeit unter Fra Filippos Ein-
fluss oder schon der Verrochioschen Epoche an-
gehöre: so geschickt war es übermalt worden!

Die Benutzung von altem Holz für die Tafel der
Bilder, die Anwendung alter Rahmen und ähnliches
gehört schon in das Bereich der vollen Fälschung;
mit solchen äusserlichen Anzeichen der Echtheit
rechnen die Fälscher heutzutage ja ganz besonders.

Gemäldefalschungen sind schon im 18. Jahr-
hundert an der Tagesordnung gewesen; als die Eng-
länder begannen, für Gemälde eines Hobbema, Cuyp,
Steen u. s. f. höhere Preise zu zahlen, wurden nament-
lich in Holland und Belgien zahlreiche Imitationen
nach diesen Meistern fibriziert. Sie sind meist so
gering, dass bei einigermassen geübtem Blick kaum
noch Jemand darauf hineinfallen wird; soweit sie

aber noch der Zeit der Originale nahe stehen, ist
die Unterscheidung oft sehr schwer. Heutzutage
sind die Fälscher in so fern viel geschickter, als sie
alle Äusserlichkeiten möglichst innezuhalten suchen,
altes Material benutzen und durch alten Ton ihrer
Fälschung die Erscheinung eines alten Bildes zu geben
wissen. Vor etwa zehn Jahren tauchten im vene-
zianischen Kunsthandel kleine Bilder auf Holz oder
Bruchstücke von solchen auf, die bald einem Anto-
nello bald einem Mantegna täuschend ähnlich sahen
und daher reissenden Abgang fanden. Ein Händler
brachte in London etwa ein Dutzend solcher Bilder
auf eine Versteigerung bei Christies, die sich die
ersten Londoner Händler bis zu zehntausend Mark
und mehr streitig machten. Als man sie von ihren
alten Schmutz reinigen Hess, fand sich, dass sie wie
Butter an der Sonne vergingen: so frisch war die
Malerei! Der Künstler, ein verbummelter Nobile aus
dem Friaul, der die Ehre hatte, Papst Pitts X. zu
malen, treibt sich heute noch in den kleinen Kaffees
und Restaurants in Venedig herum und zahlt seine
Schulden beim Wirt mit diesen kleinen Bildchen,
die er dort aus dem Kopfe malt. Fast gleichzeitig
präsentierten Florentiner Antiquare den Sammlern
sogenannte Studienköpfe von Ghirlandajo, Sig-
norelli u. a., die in Tempera auf einen Ziegel-
stein gemalt waren; sie wurden aufs Höchste be-
wundert und gern gekauft, da man sich erinnerte,
dass Signorelli sein Selbstporträt auf einen Ziegel-
stein gemalt hat, ein Bild, welches jetzt das kleine
Dommuseum in Orvieto besitzt. Erst als verschie-
dene solcher „ritratti sopra tegole" zutage kamen,,
die sich auffallend glichen, wurde man stutzig,
und seither kommen sie im Handel nicht mehr
vor. Noch häufiger waren einige Jahre die ge-
malten Bicchierna-Buchdeckelund kleinen Trecento-
bildchen der sienesischen Schule, die auf alten Holz-
tafeln und mit alter Umrahmung von denselben
sienesischen Vergoldern und ihren Malergehilfen
angefertigt wurden, die mit ihren „alten" italie-
nischen Rahmen eine Zeitlang fast jedes Museum
beglückt haben.

Vereinzelten Versuchen, einen Kopf von Bron-
zino, von Raffael u. s. w. zu fälschen, begegnet man
nicht selten, aber sie sind nicht so typisch und
täuschend wie die genannten Imitationen. Cha-
rakteristisch ist aber immer, dass alle diese Fäl-
schungen möglichst klein und miniaturartig sind.
Ahnliches ist der Fall bei den Imitationen primi-
tiver Niederländer, die jetzt besonders in Belgien an-
gefertigt werden: kleinen Bildnissen und Madonnen



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