Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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ein verunglimpfendes Wort über ihren toten Freund Besuch eine blasse Rötelzeichnung ins Auge, die auf

mit anzuhören. Übrigens wollte Zola Manet nicht
verunglimpfen: es kam ihm darauf an, die Theorie
seines Buches zu verteidigen — die Theorie, dass
kein Maler der modernen Richtung es im Verhält-
nis so weit gebracht habe wie mindestens drei oder

einem Seitenbrett stand. Er ging gerade darauf zu.
Degas sagte: „Ja, sehn Sie sich die mal an, ich habe
sie erst vor ein paar Tagen gekauft. Es ist eine
Frauenhand von Ingres. Sehn Sie sich die Finger-
nägel an, wie die nur angedeutet sind! Das ist meine

vier Schriftsteller, die derselbenRichtungangehörten, Auffassung vom Genie: ein Mann, der eine Hand

für dieselben Ideen schwärmten, sich von derselben
ästhetischen Lehre begeistern Hessen. Und Einem,
der nachdrücklich Degas' Anspruch auf die höchste
Beachtung hervorhob, erwiderte Zola: „Ich kann
einen Mann, der sich sein ganzes Leben abschliesst,
um ein Ballet'tmädchen zu zeichnen, nicht an Wert
und Einrluss Flaubert, Daudet und Goncourt im
Range gleichstellen."

Einige vier oder vielleicht fünf Jahre später
klopfte eines Maimorgens ein Freund an die Tür
von Degas' Atelier. Sie ist immer streng ver-
schlossen, und wenn man heftig an ihr rüttelt, ruft
eine Stimme durch eine Luke; ist der Besuch ein

so reizend, so wundervoll, so schwer wiederzugeben
rindet, dass er sich sein ganzes Leben einschliesst
und damit zufrieden ist, nichts andres zu machen
als Fingernägel zu skizzieren."

Stellt man diese Bemerkungen von Zola und
Degas nebeneinander — beide Genies, die im selben
Zeitalter wirkten, sich von demselben Ideenfluss
tragen Hessen, obschon sie in verschiedenen Strö-
mungen schwammen —, so können sie ihren Ein-
druck auf Alle, die sich für das Problem des Künst-
lerlebens interessieren, nicht verfehlen. Vielleicht
hat es der Zufall noch nie einem gemeinsamen
Freund vergönnt, zwei so vollkommene Äusserungen



guter Freund, so wird an einer Schnur gezogen, und künstlerischen Empfindens der Vergessenheit, der
er darf die Wendeltreppe zum Atelier hinaufstolpern, sonst die Unterhaltung anheimfällt, zu entreissen;
Da giebt es weder orientalische Teppiche noch ja- das Dokument würde einem Romanschriftsteller
panische Wandschirme noch die sonstigen Wahr- genügen, zwei lebendige Seelen daraus zu bilden,
zeichen, an denen wir die Wohnung des modernen Zwei geistige Typen sind hier in ihrem Wesen fest-
Künstlers erkennen. Nur am andern
Ende des Raumes, da -wo der Künstler
arbeitet, strömt Tageslicht herein. In
ewigem Halbdunkel und Staub sind die
mächtigen Leinwände aus seiner Jugend
in dräuenden Barrikaden aufgetürmt.
Grosse Räder, die zu Steindruckerpressen
gehören, — Degas beschäftigte sich eine
Zeit lang mit Lithographie — lassen eine
Druckerei vermuten. Da stehn viele zer-
bröckelnde Skulpturen — Tänzerinnen
aus rotem Wachs, einige in Gazeröcken,
merkwürdige Puppen — Puppen, wenn
man will, aber von einem Genie model-
lierte Puppen.

An diesem Maitag war Degas beson-
ders erpicht auf sein Frühstück; er ge-
stattete seinem Besuch nur, auf das Werk,
das er in Arbeit hatte, einen Blick zu
werfen, und nahm ihn dann eiligst mit zu
Tisch — aber nicht ins Cafe: Degas hat
vor kurzem sein Cafe aufgegeben und
frühstückt jetzt zu Hause, in einem Zim-
mer der Rue Pigalle, das auf einen Hof
mit blühenden Kastanien führt.

Als sie ins Zimmer traten, fiel seinem ED. degas, platterinnen

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