Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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offenbar versuchen möchte zu reorganisieren, ja,
wo ganz allgemein Neigung zu Reformen vorhanden
/u sein scheint. Es fehlt nur ein mächtiger Wille,
diese Stimmung zu nützen. Wie man hört hat
Liebermann schon vor Jahrzehnten mit dem
Generaldirektor unserer Museen über die Möglich-
keit einer Umgestaltung des akademischen Unter-
richts gesprochen und Beide sollen einig gewesen
sein in der Forderung, die Akademie dürfe nur
eine Art Gewerbeschule sein, eine Vorbereitungs-
anstalt, wo allein das Lehr- und Lernbare der Kunst
weitergegeben würde. Es wäre gut, wenn Bode,
der inzwischen ein einflussreicher Mann geworden
ist, sich für diesen sehr gesunden und natürlichen
Gedanken einsetzen wollte. So könnte das alte
gute Verhältnis vom Lehrling, der beim Meister
das Handwerk erlernt in veränderter, unpersön-
licherer Form, so weit heute noch möglich, wieder
hergestellt werden; der Zögling würde gezwungen
auf einem gewissen Punkte selbständig zu werden,
wo er heute nie weiss wann er aufhören soll und
als Alternder noch sich in den Meisterateliers umher-
treibt. Eine solcherweise sich beschränkende Kunst-
schule würde ungefähr auch Dem entsprechen, was
Waldmüller, der leidenschaftliche Vorkämpfer einer
Unterrichtsreform in Österreich der sechziger Jahre,
empfahl, als er für einen bestimmten Schülerkreis
immer nur einen Meister forderte.*

Bei solcher Vereinfachung und Elementarisie-
rung des Unterrichts würde sicherlich eine Ver-

f Siehe: Waldmüllers hinterlassene Schriften, herausge-
geben von A. Roessler.

ringerung des Künstlcrproletariats zu verzeichnen
sein. Niemals könnte es aber genügen, berühmte
Künstler als Lehrer innerhalb eines falschen Systems
zu berufen. Gerade das Genie ist ein problematischer
Erzieher. Was gebraucht wird ist gesunde, charak-
tervolle Unpersönlichkeit, vollendete Sachlichkeit.
Und noch fruchtbarer würde vielleicht an einer
vereinfachten Kunstschule eine enragierte Päda-
gogenintelligenz wirken können, wie wir sie in
Lothar von Kunowski kennen lernen, ein Mann
also, der sich bewusst auf die Vorbereitung be-
schränkt, die Schüler nicht nach bestimmter Rich-
tung drängt, sondern ihnen nur die Möglichkeit
der Selbständigkeit mit rationellen Mitteln schaffen
will.

Möchte doch der verderbliche Antagonismus
innerhalb unserer Kunst aufhören! Möchte die
Akademie lernen den Kunstjüngern gesunde, nicht
systematisch verstiegene Handwerkslehren zu bieten
und möchten die jungen Talente von ihrem blinden
Hochmut gegenüber aller akademischen Autorität
lassen! Wenn die Rede Liebermanns mehr als ein
Wort sein sollte, das nur die Luft erschüttert hat,
wenn sich Liebermann mit Bode, Kampfund An-
deren zu fruchtbarer Propaganda zusammenfinden
könnte, so wird der Abend, wo der ruhmvoll
alternde Künstler zu seinen jüngeren Berufsgenossen
und damit zur ganzen deutschen Künstlerjugend
ernste, aus einer sittlichen Lebensarbeit stammende
Gedanken sprach, Etappe bilden und in der Ge-
schichte unserer Kunstentwickelung einst genannt
werden.



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