Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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ich mir i 8(5(5 einen Hansstand gründete, wurde in Beobachten mehr. Man muss nur immer darauf

Berlin noch auf der Strasse Holz kleingemacht, bedacht sein, dass man nicht überfahren wird. Ver-

Meine junge Frau und ich, die wir übrigens — was schwunden ist von Strassenfigürchen unter anderen

auch charakteristisch für die Zeit ist — damals für der lustige, in seinen Bemerkungen manchmal sehr

unsere hübsche, eine Treppe hoch gelegene Woh- dreiste Schusterjunge, der früher so oft redend ein-

nung mit Gartenanteil, etwas über 200 Thaler Miete geführt und abgebildet worden ist. Es mögen aber

jährlich zahlten, kauften im Herbst Holz en gros zu seinem Verschwinden besonders auch die grossen

ein und zwar zuerst Buchenholz. Das wurde in Schuhwarengeschäfte geführt haben, in denen alles

Kloben geliefert, dann bestellte man einen Holz- gleich fertig zu haben ist. Verschwunden ist der

hauer, der es auf der Strasse, häufig mit einem Eckensteher, der als „Eckensteher Nante", seinerzeit

Gehilfen zusammen, erst zersägte und dann klein durch den Humoristen Glasbrenner, bei dem ich

spaltete. Darauf wurde es in den Keller geschafft, noch im Anfang meiner Laufbahn als Lehrling ge-

in dem es leider nicht immer gut aufgehoben war. arbeitet habe, berühmt geworden ist. Glasbrenners

Manchmal, bei uns wenigstens, trat gegen das Früh- Illustrator war Hosemann, dessen hier vorliegendes

jähr zu im Keller Grundwasser ein, wodurch das Bildchen „Ein Schuhmacher" für seine Art charak-

Holz nicht nur an Verbrennungsfähigkeit einbüsste, teristisch ist. Er und Dörbeck, — dem das Bildchen

sondern es auch sehr erschwert wurde, zu ihm hin mit dem schäkernden Paar und der Unterschrift

zu gelangen.

Der Holzrnruer gehörte damals
noch zu dem Berliner Strassenbilde,
und da es mit seiner Arbeit nie so
sehr eilte, konnte er die Gelegen-
heit benützen, mit Vorübergehenden
eine kleine Unterhaltung anzufangen,
bei der es zuweilen selbst an bissigen
Bemerkungen nicht fehlte. Eine
solche Szene stellt eines unserer Bil-
der dar, auf dem sich zugleich ein
„Milch-Bureau" — manches Bureau
solcher Art habe ich noch zu sehen
bekommen! — den Blicken darbietet.

Was uns junge Eheleute von
1 86(5 nun anbetrifft, so kauften wir
zuerst Buchenholz und, als dieses zu
teuer wurde, Birkenholz für den
Winter ein. Von diesem gingen wir
zu Torf und Braunkohlen, sodann
zu Steinkohlen und Koks über, und
jetzt sagt in meinem Hause, wie in
fast jedem andern, wenn das Brenn-
material zu Ende geht, die Hausfrau
zur Magd: „Springen Sie doch mal
rasch runter, Minna, und bestellen
Sie hundert Briketts."

Das Berliner Strassenbild ist ein
wesentlich anderes geworden, als es
früher war. In dem Durcheinander
von Droschken, Strassenbahnwagen,
Automobilen und Radlern, das jetzt
auf den Strassen herrscht, gibt es
ja auch kein Stillstehen und ruhiges

„Duhn Sie mich den Gefallen usw." sowie sicher



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