Kunst und Künstler: illustrierte Monatsschrift für bildende Kunst und Kunstgewerbe — 6.1908

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MAX KLINGER, RADIERUNG

AUSG. IM COMMETERSCHEN KUNSTSALON, HAMBURG

an die Philisterhaftigkeit seines Vorbildes hielt, nicht an
dessen Genie. In Paris suchte er nicht Courbet und die
Fontainebleauer,sondern Meissonier. Unerträglich meist,
wo er offiziell ist, aber nicht ohne zarte Qualität, wenn
er still, fern vom Auge des wirklichen oder imaginären
Auftraggebers, vor der Natur sass. Der „Blick auf
Tangermünde", „Amsterdam im Schnee" und andere
Bildchen dieser Art lassen bedauern, dass Werner allzu
getreulich auch Menzels Künstlerschicksal im kleinen
nachgeahmt hat.

Im Kunstlerhaus zeigte man uns die Kartons der viel-
besprochenen Wandbilder Fritz Erlers für das Wies-
badener Kurhaus. Die schroffe Ablehnung des Kaiseis
hatte dafürlnteresse und ein günstiges Vorurteil erweckt.
Mit Unrecht. Die Begabung in diesen Arbeiten macht
sie nur um soungeniessbarer. Böcklinphantastik, Klinger-
monumentalität und spirituelle Neuromantik bis zum
Milieu des Dekorationsmalermeisters erniedert. Grelle
Plakatwirkungen, dass Einen die Augen beissen. Ein
Beweis, dass das offenbare Talent zuweilen verderblich
werden kann, wo der simpele Akademismus neutral und
darum ungefährlich ist.

Bei Paul Cassirer wurden alle guten Empfindungen
erregt, von bewunderungswürdigen Bildern van Goghs.
Ein Selbstbildnis vor der Staffelei sieht man im Geiste
schon im Louvre hängen; dahin gehört es. Ein Frucht-
baumgarten in Frühlingsblüte und ganz voll Sonne und
Bewegung ist nicht minder schön. Unversesslich das
Bildnis eines Mädchens in rot und blau gestreiftem Kleid,
das klassisch einfache Porträt eines Offiziers und einige
Blumenstilleben, die in ihrer japanischen Raumlosigkeit
ein fast unheimliches Leben ausströmen. In Bildern wie

der „Ernte" oder dem Bildnis des Postboten ist höchste
Vereinfachung; aber wie weit ist sie doch von allem
Plakathaften entfernt! Ein erstaunlicher Natur- und
Lebensbezwinger, der im schrecklichen Duell schliesslich
aber von Natur und Leben docli zerbrochen wurde. —
Einige herrliche Sisleys, ein interessanter früher Rousseau,
reizende kleine Landschaften von Corot, ein liebens-
würdiger Mädchenkopf von Renoir und andere franzö-
sische Bilder vervollständigten die Ausstellung.

Friedmann und Weber zeigten eine Reihe von
französischen Originaltapeten aus der Zeit von 1780
bis 1830. Interessante Stücke, die wertvoll genug für
Sammler und Museen sind, mit ihren erstaunlich mühe-
voll, mit oft unendlich vielen Platten im Handdruck
tadellos hergestellten klassizistischen Motiven. Aber
in dieser Zeit der Empiremoden gefährlich als Anregung,
denn man sieht auf diesen Blättern — die endlose Papier-
rolle war noch unbekannt — Stuck und Malerei mit
vielen Lichtern und Schatten systematisch imitiert; und
das ist ungefähr das Gegenteil Dessen, was die moderne
Maschinentapete kann und was das lebendige Bedürfniss
fordert.

Bei Wagner in der Potsdamerstrasse sind zur Zeit
eine Reihe sehr schöner japanischer Farbenholzschnitte
aus der von Heymelschen Sammlung ausgestellt.
T) e r 1 i n. Zum neunzigsten Geburtstage Karl Steffecks

findet im April bei Schulte eine Ausstellung von
Werken dieses Künstlers statt; eine Kollektion von Bil-
dern Heinrich Zügels schliesst sich an. Über diesen
vortrefflichen Tiermaler werden wir demnächst eine
ausführliche Abhandlung bringen.

OD

Über die Plakatausstellung, die jüngst in den Aus-
stellungshallen
am Zoologischen
Garten statt-
fand, schreibt
uns Robert

Breuer:

„Weil Tou-
louse- Lautrec,
Heine und Paul
gelegentlich ei-
nige Plakate ge-
schaffen haben,
halten sich nun
alle die Leute,
die berufsmäs-
sig d.erReklame
dienen, Ideen
für Litfasssäu-
len haben oder
eine Offerte in

annehmbare
Form zu brin-
gen wissen, für
veritableKünst-

ALTES PLAKAT (1775)

AUSSTELLUNG „AUGUR". BERLI

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